dtv 2010
Christian Kracht - Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten
Ganz anders
Sperrig, Fantasievoll, gewunden, vor allem aber ganz anders ist es, was und wie Christian Kracht seine Geschichte schreibt.
Im Stile der Fantastik entfaltet Kracht eine andere, antihistorische Welt. Die Schweizer Sowjetrepublik, alleine das schon ein Sujet, das eine Menge Fantasie braucht. Und nun diese Land in enger
Verbindung zu ostafrikanischen Völkern zu erleben, zudem als Brennpunkt eines umfassenden Krieges, wär es wirklich so gewesen und gekommen, wenn Lenin 1917 in der Schweiz geblieben wäre und es
dort zu einer kommunistischen Revolution gekommen wäre? Doch auch dies ist zu Beginn des Buches bereits Geschichte, eine Geschichte allerdings, die den Lauf der Welt völlig auf den Kopf
stellt.
Jahrzehnte lang herrscht bereits Weltkrieg, doch moderne Errungenschaften der Kriegsführung haben sich in all diesen Jahren nicht Entwickelt. In der Sprache von 1917, mit teilweise militärischen
Mitteln des ersten Weltkrieges (Kavallerie, die schwere Maschinengewehre auf den Pferden festgebunden haben) wogt der Krieg hin und her, Deutsche Luftschiffe bombardieren das militärische
Hauptquartier in den Schweizer Bergen, ein deutscher Marshall wird in Schweizerisch-Salzburg hingerichtet, Sinti Divisionen stehen am schwarzem Meer. Eine düstere Welt, festgefahren im brutalen
Konflikt. Eine Umkehrung der Weltverhältnisse, wie sie auch Robert Harris in "Vaterland" hatte anklingen lassen. Ähnlich wie dort schwingt auch hier ein Mord und das Thema Verrat mit, aber doch
ganz anders.
Durch diese Welt folgen wir dem Ich Erzähler, geboren an der Grenze zu Mozambique und geschult in einer der afrikanischen schweizerischen Militärakademien in einer Geschichte mit wenig rotem
Faden, aber vielen Assoziationen, Beschreibungen, verlorenen Hoffnungen. Die vordergründige Suche des erzählenden Polit-Kommissars nach einem Mörder ist letztlich nur Beiwerk für den Blick auf
die fantastischen Umstände dieser kriegsgewohnten, Kriegserfahren und dennoch auch kriegsmüden Welt.
Dennoch ist an dem Geschilderten nicht unbedingt Neues, Überraschendes zu erkennen. Die geschilderten Verhältnisse, die starren Fronten, der feudalistische Umgangston, all das ist weitestgehend
ja reale Geschichte der Verhältnisse im kommunistischen Russland und im ehemaligen Ostblock. Dies einfach nun in die Schweiz zu verlegen ist letztlich zu wenig, um neue und ganz andere innere
Perspektiven zu eröffnen.
Andererseits ist das Buch sprachlich hervorragend erzählt. Kurze, knappe, kalte Sätze korrespondieren in bester Weise mit der geschilderten zerrissenen Welt. Eindrucksvolle, plastische Bilder
versetzen mit wenigen Worten mitten hinein in die klirrende Kälte, die festgefahrenen Fronten, die kalten Grausamkeiten. Sprachlich mitnehmend entstehen innere Verbindungen zur eigentlich
Leitfrage des Buches, warum zum Krieg als vermeintlich besserer Lösung gegriffen wird.
So verbleibt ein diffuser Eindruck zum Schluss. Sprachlich interessant und teilweise kraftvoll, in er erzählerischen Dichte manches Mal wirr und damit auch ermattend. In einzelnen Schilderungen
schaudernd, in anderen Bereichen unberührt lassend. Eine einheitliche Betrachtung des Buches stellt sich nicht wirklich ein. Dennoch sprachlich und in der Grundidee lesen- und
bedenkenswert.
M.Lehmann-Pape 2010
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