Knaur 2010
Douglas Preston / Mario Spezi – Die Bestie von Florenz
Mörderische Realität
Douglas Preston im Urlaub. Mal fernab von seinem kongenialen Autorenpartner Lincoln Child und seinen eigenen Thriller Projekten. In Italien, in Florenz. Da ruft doch alles nach Genuss und
Entspannung. Weit gefehlt.
Auch privat scheint Preston seine Themen noch wie ein Magnet anzuziehen, denn er hört von einer Mordseire, die trotz langjähriger, polizeilicher Ermittlungsarbeit weiterhin unaufgeklärt bleibt.
Trotz vieler Verdächtiger, trotz bereits erfolgter Verurteilungen, wirklich aufgeklärt erscheinen Preston die Verbrechen noch nicht. Gemeinsam mit dem, zumindest in Italien, wohlbekannten
Journalisten Mario Spezi, der bereits eine ganze Reihe von Büchern im Blick auf große Verbrechen bis hin zur Mafia in Italien veröffentlicht hat, begibt sich Douglas Preston in bester Thriller
Manier auf die Suche nach "Der Bestie von Florenz", die bereits sieben Liebenspaare brutal ermordet hat.
Aus seiner Arbeit als Autor heraus ist Preston geübt in professioneller Recherche und gibt sich nicht mit vordergründigen Antworten zufrieden, auch in seinen Thrillern (in eigener Person und mit
seinem Partner Child) zeichnet sich Preston in der Regel durch profundes Hintergrundwissen aus. Fähigkeiten und eine Art der Herangehensweise, die sich auch in dieser realen, privaten Recherche
bezahlt machen. Nicht nur dem Täter kommen Preston und Spezi im Zuge ihrer Recherchen näher, sie decken vor allem eine Reihe tiefgreifender Ermittlungsfehler, Vertuschungen, Verbiegungen der
Wahrheit auf Seiten der Behörden auf.
Das, was wir in den Nachrichten oft ungläubig über "italienische Praktiken" selbst des Staatsoberhauptes zu hören bekommen, zieht sich in den Ermittlungen der beiden Autoren bis auf kleinste
Ebenen herunter. Staatsanwälte, Richter, Ermittler, mehr und mehr wird deutlich, wie jeder Beteiligte weniger an der Aufklärung der Morde arbeitet, sondern beständig die eigenen Interessen und
das eigene Image im Blick hat. In der Szene, in der es um den Fund einer Patrone und anderer Indizien geht, enthüllt Minolti, einer der ermittelnden Polizisten, erstaunliche Erkenntnisse, die den
ermittelnden Hauptkommissar Perugini in seinen geschönten Darstellungen entlarven. Perugini wird bei weitem nicht der einzige bleiben, dessen Darstellungen sich als brüchig erweisen.
Es kann nicht ausbleiben, dass Preston und Spezi selbst in das Visier der ermittelnden Stellen geraten, je mehr sie skandalöse Umstände in der Justiz der Toscana aufdecken.
Das Buch liest sich wie ein Thriller. Manches Mal ist es nötig, sich bewusst daran zu erinnern, dass hier reale Erlebnisse verarbeitet werden. Nicht nur, weil manches wie erfunden klingt und das
Vertrauen in ein funktionierendes Rechtssystem (zumindest in Italien) so nachhaltig erschüttert, wie es ansonsten nur fiktionale Thriller sich zum Thema machen, sondern auch, weil "Die Bestie von
Florenz" für ein, letztendlich, Sachbuch, handwerklich dicht und schnell geschrieben ist und ebensolche Spannungsmomente enthält, wie es bei Preston-Romanen der fiktionalen Art üblich ist.
Dem Fluss des Buches kommt zudem besonders zugute, dass zumindest Douglas Preston eine kongeniale Zusammenarbeit gewohnt ist. Mit Mario Spezi arbeitet er genauso ergänzend, wie in seinen mit
Lincoln Child entwickelt Geschichten. Und wird doch am Ende darüber belehrt, dass das wahre Leben sich letztlich nicht in das bewährte Muster eines Thrillers rahmen lässt. Dennoch findet das
Buch, andres, als es Preston selbst bewertet, ein sich schließendes Ende. Nur nicht im Blick auf den Mörder, wohl aber im Blick auf die vielen beteiligten Kriminellen des Amtsapparates.
Ein Buch über reale Vorgänge, dass sich genauso intensiv und mitreißend liest, wie die besten Thriller auf dem Markt.
M.Lehmann-Pape 2010
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