C.Bertelsmann 2011
Michael Jürgs – BKA, Europol, Scotland Yard
Law and Order in Europa
"Auch die sogenannten Guten sind gegen das Böse nicht immun. Es lauert in ihnen. Bricht jedoch nie aus. Hoffentlich".
Dieses Zitat aus der Einleitung des Buches zeigt, in Verbindung mit der Eingrenzung des Themas, welchem Duktus Michael Jürgs in seinem neuen Buch folgt. Nicht das moralische oder ethische
Verwerfliche ist Ziel der Ermittlungsarbeit länderweiter und teils grenzüberschreitender Ermittlungsarbeit, sondern die Taten sind es. Da, wo aus inneren Haltungen gesetzesbrechende Taten
entstehen, dort setzt die Arbeit der kriminalpolizeilichen Dienste an und versucht, die Täter einer systementsprechend gerechten Strafe zuzuführen.
Michael Jürgs, ehemaliger Chefredakteur des Stern und an sich bisher eher dem linken politischen Spektrum zuzuordnen, hat sich der rechtbewahrenden Seite des gesellschaftlichen Lebens zugewandt.
Sorgfältig recherchiert führt er auf gut 340 Seiten die moderne Arbeit der Kriminalpolizei vor. Interessanterweise wird schon in der Einleitung deutlich, dass dieser Blick auf die Arbeit der
Ermittler Jürgs selber nicht unbeeindruckt und unverändert gelassen hat. Verständlich sicherlich, dass im Zuge seiner Recherchen für ihn immer deutlicher wurde, dass viele der Opfer jener
Straftaten "fürs Leben gezeichnet sind". Jürgs verlässt so durchaus hier und da den Status des reinen Beobachters, auch zwischen den Zeilen wird seine zunehmende Hochachtung (zwar verständlich,
dennoch aber ein Manko für eine kritische Reportage, das sich ab und bemerkbar macht, wo die Distanz des Journalisten nicht mehr vorhanden zu sein scheint) vor der verwickelten Ermittlungsarbeit
und der Motivation der Beamten deutlich.
Eine Arbeit, die sich mittlerweile deutlich von althergebrachten Vorstellungen aus Romanen, Thrillern und Fernsehserien unterscheidet. Digital ist sie geworden, die Verbrecherwelt, jeden Winkel
des Web nutzend und digital sind daher ebenso die Verfolgungsmethoden zur Aufdeckung von Straftaten geworden. Beileibe aber nicht nur trockene Erläuterungen zu Dienststunden vor den Rechnern der
Dienststellen sind es, die Jürgs dem Leser nahebringt. Vielfältige kriminelle Methoden, Fallbeispiele, Berichte von der "Jagd auf das Böse" fließen in das Buch ein und ergeben so ein erschreckend
offenkundiges Bild von einer sich deutlich stärker (und geschickter) kriminalisierenden Gesellschaft mit vielfältigen technischen Möglichkeiten. Den Kernbereich des Buches bilden die deutschen
Dienste, BKA und Landespolizei, zurecht ist das BKA im Titel auch groß gedruckt.
Seine Stärken hat das Buch vor allem in der ganz praktischen Veranschaulichung der Arbeit der Ermittler und der Methoden der Kriminellen. Das Kapitel über verdeckte Ermittler, Untersuchungen
gegen Rockerbanden und Menschenschmuggler macht dezidiert auf die Kleinteiligkeit der Ermittlungsarbeit und die realen Gefahren für die Ermittler aufmerksam, ebenso treffend wendet sich Jürgs der
digitalen Welt in seiner präzisen und lebendiger Sprache zu.
So verbleibt am Ende ein hochinteressanter Einblick in die moderne Welt der sich ausbauenden Kriminalität von allen Seiten her, ein "bekehrter" Journalist, der seine vorhergehenden Vorurteile
gegen eine zu breite gesetzliche Ausweitung der Polizeirechte aufgegeben hat und ein Zeugnis für den Leser, dass in Bezug auf Kinderpornographie, Wirtschaftskriminalität und jedweder anderen Form
skrupelloser Verbrechen eine Polizei notwendig ist, die alle Möglichkeiten zur Verfügung hat.
Mitsamt einer Prüfung übrigens auch von allzu milden Gerichtsurteilen gerade im Bereich der Kinderpornographie. Dieser Passus zeigt hochgradig die erstaunliche Wendung des Journalisten Michael
Jürgs, die aus dem Buch heraus aber allzu verständlich wird. Es ist zudem durchaus der Ehren wert, wenn ein Journalist bereit ist, sich eines anderen belehren zu lassen als seiner vorhergehenden
Annahmen. Auch wenn diese Sinnesänderung natürlich in der Bewertung eine persönliche Geschmacksfrage des jeweiligen Lesers sein wird. Sie verdeutlicht aber vor allem, dass Jürgs nicht von
vorneherein mit feststehenden Ergebnissen an seine Recherchen gegangen ist und er somit das, was er gesehen hat, durchaus aktuell zu reflektieren verstand. Empfehlenswert.
M.Lehmann-Pape
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