S.Fischer 2014
S.Fischer 2014

Peggy Parnass, Tita do Rego Silva – Kindheit

 

Emotional intensiv

 

Wie verarbeitet ein Mensch, das die Mutter einen gerettet hat, sich selbst aber nicht retten konnte? Dass 1939, als Kind, die Trennung geschah, Peggy mit ihrem kleinen Bruder in Sicherheit gebracht wurde, die Eltern im Konzentrationslager dann aber ermordet wurden?

 

„Natürlich habe ich gleich ja gesagt….wie immer….wenn ein Thema mich reizt. Erst hinterher viel mir ein, dass ich nie Kind war……Seitdem ich 14 bin, habe ich mich selbst ernährt“.

 

Gut aber, dass Peggy Parnass „ja“ gesagt hat und gut, dass sie in Do Rego Silva eine kongeniale Grafikerin an ihre Seite gezogen hat, welche die einzelnen Momente  in leuchtende Lithographien zu bannen versteht.

 

Die Mutter, Putzfrau und dennoch „Hände wie Lilien“, das sind erste Erinnerungen. Das Lachen, die klugen Worte, der Klang der Stimme.

 

Einfach und schlicht erzählt, berichtet Parnass mit dennoch poetischem Klang der Worte.

 

Eine Mutter, wich und nachgiebig und dennoch mitten im Leben stehend. Die ihren „Pudl“ (Pole, Zocker, Jude, Mann, Charmeur mit warmen Humor) in Schutz nahm, die Harmonie versuchte, herzustellen.

 

Kleine Erinnerungsstücke aus der lebendigen Familiengesichte, die auch heute noch Kinder erleben werden und können. Vom „schlafen im großen Bett“ bis zur rasenden Eifersucht auf „das kleine Bübchen“, das plötzlich mit dazugehört.

 

Unterbrochen schon bald von dem, was Kinder eben nicht erleben sollten, was sie nicht verdient haben.

 

„Als Pudl und wir alle verhaftet waren“.

 

„Ich weiß nicht, wie Kiesinger und andere sie übersehen konnten“, denn Peggy hat sie gesehen, oft und öffentlich. Die, die mit blutenden Verbänden aus der Haft zurückkamen, die vielfachen Zeichen der Gewalt gegen Juden, die Parnass aus Kindersicht her schildert, treffend, prägnant und einfach in der Sprache.

 

„Dann fiel der Unterricht aus, weil eine Lehrerin, die wir alle nicht mochten, verhaftet worden war“.

 

So fing es an, so wurden die Zeichen deutlicher, so wurde ein lebendiges Leben grau und grauer. Und die dazugehörende Grafik fasst dies in bedrohlichen Rottönen im Bild bestens ins sich zusammen. Und wie die ganzen Orden Puls aus dem ersten Weltkrieg einfach nicht halfen. Noch schlimmer, wie Peggy miterlebt hat, wie fassungslos ihr „Pudl“ war, als er den Häschern all die Orden zeigte und wieder zeigte und das keinen interessierte.

 

Oder wie die „Milchfrau Mutti ohrfeigte“.

 

Und dann die Trennungen. So schlicht erzählt mit diesem „Hätte ich mich bloß noch mal umgedreht“.

 

Und auch der zweite Teil der Geschichte, das Ankommen in Stockholm, das „Waise“ sein, diese herzzerbrechende Geschichte mit dem Feuerwehrauto und später dann die Konfrontationen auf ihre ganz eigene Weise mit jenen, die ihre Rolle schon spielten in diesem brutalen Drama der „kleinen Weltgeschichte“ im Alltag jener Tage.

 

Ein Buch, das einerseits klar und prägnant formuliert, das die Emotionen so treffend und dabei schlicht in Worte zu fassen versteht.

Das für Kinder in Sprache und Bild geeignet ist und dennoch den Erwachsenen dazu brauchen wird, um zu erklären und aufzufangen.

 

Das für Erwachsene das, was geschah, ganz dicht und eben nicht distanziert durch Fußnoten oder sachlich-nüchterne Sprache oder breite Erläuterung von Hintergründen intensiv erlebbar macht, wie das Geschehen Menschen zerbrach und Stärke finden ließ.

 

M.Lehmann-Pape 2014