Goldmann 2010
Justin Cronin – Der Übergang
Endzeit Epos allererster Güte
In Windeseile waren die Rechte am Buch weltweit in einer fast hitzigen Bieterschlacht der Verlage verkauft. Ein nicht alltäglicher Vorgang, bedenkt man, dass dies das erste Buch im Fantasy Genre von Justin Cronin ist. Zwei mit Auszeichnungen versehene, literarische Romane schlugen bereits zu Buche, die allerdings nicht zu einem internationalen Durchbruch führten.
Mit „Der Übergang“ wendet sich Cronin einem, für ihn, ganz anderen Genre und Thema zu und legt einen Fantasy-Endzeit Epos vor, der in Umfang und Stil fulminant einschlägt. Schuld daran ist seine kleine Tochter, die seine literarischen Romane einfach langweilig fand und sich eine Abenteuergeschichte wünschte, in der ein kleines Mädchen als Heldin fungiert. Gesagt, getan, Justin Cronin machte sich ans Werk und das war sehr gut so.
Die Grundidee seiner Geschichte ist nicht neu. Amerikanische Wissenschaftler experimentieren mit einem Virus, das Gesundheit und Langlebigkeit in sich zu tragen verspricht, doch die damit infizierten Menschen zu etwas mutieren lässt, was im weitesten Sinne als Vampir zu bezeichnen wäre (obwohl keine Ähnlichkeit mit edlen Herren wie Dracula oder Lestat bestehen). Es kommt, wie es kommen muss, das Virus bricht sich Bahn aus der strikten Quarantäne der Forschungsanstalt und die Welt wird infiziert. Nur kleine, immens geschützte Kolonien erhalten eine Chance auf das Überleben.
Eine der Kolonien zumindest. Und die letzte der künstlich Infizierten, das Kind Amy.
Auch sie verwandelt sich nicht in eines der üblichen Ungeheuer, im Gegenteil, eine ganz andere, innere Verbindung zum Leben und zu den verwandelten Geschöpfen hat sie. Amy, die den Virus nun in sich trägt, stellt die letzte Hoffnung der Welt dar, einen Ausgleich zwischen tierisch-vampirischer Lebensform und Menschheit zu finden. Und die Zeit drängt, denn die Schutzmechanismen der Kolonie beginnen, nach Jahrzehnten der Isolation, ihre Kraft zu verlieren.
Eine Grundidee des Buches, die in vielfacher Form bereits Einzug in literarisches Schaffen gefunden hatte, allein an Stephen Kings „The Stand“ sei erinnert. An den Grundzügen der Geschichte selber liegt der tiefe Reiz des Buches nicht begründet, wohl aber in der Form der Umsetzung. Jeder Seite ist die literarische Kompetenz des Autors anzumerken. Sprachlich auf hohem Niveau, bilderreich und komplex erzählt er auf über 1000 Seiten die Geschichte von Amy, ihrer Geburt, des Verlustes ihrer Mutter, ihr gekidnappt und gerettet werden und ihren Versuch, die Welt Jahrzehnte später zu retten, nachdem sie für eine lange Zeitspanne untergetaucht war.
Ebenso mit großer Ruhe, wie Cronin die Geschichte Amys erzählt, erzählt er das ganze Buch in einem wunderbaren Fluss der ständig wechselnden Ereignisse. Logisch stringent aufgebaut bietet er zu Beginn eine Erklärung für den Virus, beschreibt im ersten Drittel des Buches die Experimente mit demselben, die innere Verbindung, die der FBI Agent Wolgast zu Amy entwickelt und die ihn dazu führt, Amy zu retten, als die Ereignisse im Forschungslabor eskalieren. Im zweiten Teil stellt Cronin die Überlebenden in der Kolonie und den Kampf ums weitere Überleben in den Mittelpunkt, bevor im dritten Teil des Buches Amy und die überlebenden Menschen zusammenfinden. Wobei das fulminante Finale hier noch lange nicht in Sicht ist.
Neben der sprachlichen Kompetenz, der sauber erarbeiteten und vorgelegten Geschichte, dem ständig anhaltenden Spannungsbogen ist es der Umgang mit seinen Personen, der Justin Cronin so besonders macht. Wie er der Geschichte an sich Hand und Fuß zu geben vermag, so hält er es auch mit der Skizzierung der Protagonisten. Aus deren, ruhig und intensiv, je geschilderten Lebensgeschichte heraus erhalten ihre Handlungen Folgerichtigkeit, ihr Fühlen und Denken Tiefe und Differenzierung. Und dies alles gelingt, detailreich und weit ausholend, ohne zu langweilen.
Geschichten über Geschichten persönlichen Lebens und Erlebens treten auf diese Weise erläuternd, ausschmückend, erklärend, nach vorne verweisend zum roten Faden der apokalyptischen Ereignisse hinzu und machen dieses Buch zu einem unglaublich lebendigen, pulsierenden Leseerlebnis mit vielen gebrochenen möglichen Helden, denen ein Happy End immer wieder verwehrt wird. Auch das ist selten, wie viele mögliche und tatsächliche Sympathieträger im Buch jeweils bereits ein Ende gefunden haben, bevor die letzte Seite gelesen ist.
Absolut zu empfehlen und ein langanhaltendes Leseerlebnis ohne Leerlauf. Und, vor allem, nur der erste Band einer geplanten Trilogie. Auf den Spuren des Ringes Tolkiens und im Kampf gegen die dunkle Macht der Star Wars Saga wird diese Trilogie ihren Weg ohne Zweifel finden.
M.Lehmann-Pape 2010
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