Fischer 2010
Laurence Stern – Leben und Ansichten von Tristram Shanty, Gentleman
Freiheit im Alltag
Auf 690 prallgefüllten Seiten legt der Fischer Verlag das bekannte Werk Laurence Sterns in einer Neuauflage vor.
Werke, müsste man eigentlich sagen, denn Stern hat seine Hauptfigur innerhalb von 8 Jahren in 9 Einzelbänden in den 1760er Jahren in seinem alltäglichen Leben und seinen ausufernden Ansichten
über dies und das und alles und jeden verewigt.
Auf der ersten Seite des ersten Bandes noch chronologisch korrekt mit der Zeugung Tristrams beginnend. Dort allerdings beginnt bereits der einzigartige, themenassoziierende Stil des Buches, denn
auf seine tatsächliche Geburt muss man nun schon bis zum dritten Band der neun Romane warten.
In den ersten beiden Bänden wird zunächst der Vorlauf gestartet, um auch ja alle kausalen Zusammenhänge über das Lebensumfeld (mitsamt dem unglaublich erläuterten Ehevertrag der Eltern)
ausführlich mit zuteilen. Und da dem Ich-Erzähler Tristram bei seinen Erläuterungen immer wieder eine andere, bestimmt auch noch wichtige Kausalität um seine Geburt und deren Vorlauf herum
einfällt, dauert das eben, bis wirklich alles erschöpfend dargestellt ist.
Falls Tristram nicht etwas vergessen hat. Aber auch nach seiner Geburt ist ja noch genügend Zeit und Raum vorhanden, bei Gelegenheit zurückzugreifen und alte Stränge unter neuen Gesichtspunkten
noch einmal aufzunehmen.
Von der ersten Seite an geht es, ohne durchzuatmen in einem stetigen assoziativen Redefluss, munter durch Erlebnisse, Geschichten, Ansichten in wenig chronologischer Reihenfolge und mit
mancherlei plötzlichen Abbrüchen gerade Erzählten in assoziativen, ausufernden Sätzen "wie außer Rand und Band dahinpolternd" (lässt uns Tristram Shanty schon auf der ersten Seite wissen) durch
eine unermessliche Vielfalt kreativer Einfälle und, zumindest für Tristram und seinen Autor, wichtiger Einsichten.
Gerade weil Tristram Shanty sein Leben ganz genau, absolut konkret und ohne auch nur die geringste Kleinigkeit zu vergessen erklären will, ufert jeder Gedanke, jedes Erlebnis, jede Geschichte in
unglaubliche Nebenströme aus, die aber, alle für sich, wiederum ganz neue Horizonte einbringen, das Auge auf ganz andere, auch kleine, Dinge des Lebens lenken und diese drehen, wenden, plötzlich
wieder fallen lassen, weiter gehen in der Ursprungsgeschichte und dann doch unverhofft wieder aufgenommen werden. Jedes Formmaß eines klassischen Romanes sprengend und eine hohe, inenre AKtivität
des Lesers voraussetzend.
Immerhin, im Blick auf einige Familienmitglieder, vor allem auf seinen Vater, erhält der LEser doch ein breiteres Bild. Das aber natürlich nur, weil es einen wichtigen kausalen Zuasmmenhang zum
Leben Tristram Shantys gibt.
"Ihr habt gewiss schon von den Lebensgeistern gehört, wie sie vom Vater auf den Sohn transportiert werden... nun, mein Wort darauf, neun Zehntel von eines Mannes Verstand oder Unverstand, seiner
Erfolge oder Misserfolge in dieser Welt hängen ab von den Regungen und Aktivitäten ebenjener Lebensgeister".
So verstanden wird klar, warum gerade der schrullige Vater als Erzeuger von neun Zehnteln der Lebensgeister Tristrams eine herausragende Rolle im Buch erhält. Dann noch wissend, dass sich
Tristrams Vater durch und durch für einen Philosophen von Gottes Gnaden hält, erklärt vieles an den Ansätzen der Lebesngeschichte, auch nur einen Teil der abstrusen Theorien des Vaters in
Tristrams Leben wieder zu finden oder zumindest im Verlauf der Erzählung zu Verdeutlichen. Der Einfluss der Nasengröße auf das Leben eines Menschen wird in genial-humorvoller Weise fast schlüssig
erläutert, wie auch der Ehevertrag der Eltern in einem einzigen, endlos scheinenden Satz zu guter Letzt Wort für Wort erhellend dargelegt wird.
Gegen den Glauben an eine strenge Ordnung, gegen "richtig" und "falsch", die Kategorien damals der Aufklärung und heute der bürgelrichen Existenz, schreibt Sterne in einer Art und Weise an, die
nie verletzt, die seine oft schrulligen und mit Merkwürdigkeiten ausgestatteten Protagonisten immer im beschreibenden lässt ohne ins Wertende abzurutschen. Mit dieser Art der Darstellung und
seinem mäandernden, assoziativen, ständig springenden Stil gelingt ihm eine seltene Kunst: Er tritt mit dem Leser in einen kontinuierlichen Dialog.
Einem Dialog voll der Freiheit, auch wenn das Chaos droht, ohne jeden erhobenen Zeigefinger und mit einer Ernsthaftigkeit bei der Betrachtung noch so surrealer Erlebnisse und Marotten, dass der
Leser, wenn er sich auf diesen Stil einlässt, mehr und mehr das eigene, oft enge Korsett von Vorschriften, Regeln und Kategorien des Lebens aufschnürt und mit einem breiten Lächeln in den
Mundwinkeln einen deutlichen Anhauch jener Freiheit erlebt, die Nietsche meinte, als er Sterne als den "freiesten aller Schriftsteller" bezeichnetet.
Ein wunderbares, mitnehmendes, erhellendes und aufatmendes Leseerlebnis allererster Güte in bester und den Duktus wirklich treffender Übersetzung durch Michael Walter
M.Lehmann-Pape 2010
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