dtv 2010
Bruno Morchio – Bitteres Rot
Späte Gerechtigkeit
1944 finden erbitterte Kämpfe nicht nur an den militärischen Fronten Italiens statt, auch der aktive Widerstand nimmt immer tieferen Einfluss auf das alltägliche Leben. Als Kurierin der
Partisanen gerät die 19-jährige Tilde in das Gewirr der damaligen Zeit. Als Spionin soll sie den Besatzungskräften entlocken, wer als Verräter in den Reihen der Partisanen für die vielen
Fehlschläge verantwortlich ist.
2008 gerät Bacci Pagano, Mitte 50, Privatdetektiv, ehemaliges Mitglied der kommunistischen Partei, in seiner Jugend für 5 Jahre unschuldig im Gefängnis, den schönen Dingen des Lebens gegenüber
durchaus aufgeschlossen, in einen neuen Fall. Sein Auftrag: Den Stiefbruder eines deutschen Professors zu finden.
Was der Leser von Beginn an weiß, Pagano aber zunächst verborgen bleibt: Der Wehrmachtsoffizier, auf den 1944 die junge Tilde durch die Partisanen angesetzt wurde, trägt den gleichen Namen wie
der alternde Professor.
Bacci Pagano taucht, während er den Spuren beginnt, nach zu gehen, tief ein in die schweigsame Gesellschaft der ehemaligen Partisanen und trifft dabei auf seine eigene Vergangenheit und
Geschichte. Doch wer führt ihn in die Irre? Die ehemaligen Partisanen, die nicht die ganze Wahrheit sagen? Der Auftraggeber, der ein doppeltes Spiel zu treiben scheint?
Eine spannende Geschichte in typischer Bruno Marchio (Autor, Psychologe und Psychotherapeut) Manier. Weniger in Form eines klassischen Krimi, mehr im Rahmen einer vielfältigen Verbindung
einzelner Geschichten, vernetzt Marchio seine Geschichten und Orte der Handlungen miteinander, bis ein stimmiges Bild der Personen, der Lebensgeschichten, der Orte und der gesellschaftlichen
Situation entsteht.
Genua, multikulturelle, brodelnde Hafenstadt mit verwinkelten Gassen, die so gar nicht dem Bild des dolce Vita entspricht und mit vielen hässlichen, dunklen Ecken absterbender
Industrielandschaften, ist die Blaupause, auf der Marchio schreibt. Seine Figuren sind wie die Stadt: rau, nicht geschwätzig und verwinkelt. Ebenso, wie die Geschichte selbst, in der in
gelingender Weise die Ereignisse von 1944 in Beziehung gesetzt werden zum Leben in und um Genua heute. Eine Geschichte, die bis in die Gegenwart nachwirkt durch die Menschen, die von ihr geprägt
und geformt worden sind.
Wie Bruno Marchio selber sagt: "Der Mittelmeer Krimi ist weder beruhigend, noch tröstend". Das Mittelmeer war zu allen Zeiten Schauplatz oft blutiger Konflikte, die ihre Spuren hinterlassen haben
und noch lange nicht befriedet sind. Konflikte, die Pagano während der Auflösung des Falles begleiten und die über das Ende des Buches hinausreichen.
Fazit: Eine packende Geschichte, eine hervorragende Schilderung von Personen, den Orten des Geschehens und des "historischen Gedächtnisses", die die Gegenwart bestimmen und prägen. Dabei mit
Tempo geschrieben und in sich stimmig konstruiert.
M.Lehmann-Pape
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