epubli 2011
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Rezension – Afghanistan Dragon: Ein dramatischer Thriller über einen dramatischen Konflikt
von M.Rauscher

Die Bundeswehr mal außen vor – trotz aller Medienberichte dieser Tage, Wochen, Monate, Jahre. Auch wenn das Thema sich nach über einem Jahrzehnt scheinbar abnutzt – der Konflikt ist Aktualität. Und zwar höchste Aktualität. Man wird sich dessen erst wirklich bewusst, wenn man so ein Buch liest, wie es Norbert F. Schaaf geschrieben hat – über die Droge Opium, Marke „Afghanistan Dragon“, anno 2011.


Afghanistan ist – sagt auch KULTURZEIT – für den deutschen Literaturbetrieb längst noch Stiefkind. Dabei kann man nicht genug davon lesen.
Erstaunlich, wie ein Ex-Bundeswehrsoldat es schafft, in Rollen zu schlüpfen, die auf dem weit entfernten Schauplatz spielen. Norbert F. Schaaf wurde in Bad Neuenahr geboren, im Rheinland, südlich von Bonn. Bei der Bundeswehr war er Soldat mit „NATO-Certificate“, war also bei mindestens einem Auslandseinsatz dabei, wenn man das so recht versteht als Zivilist. Dann war er EDV-Operator, Bankkassierer und Zugführer - ein ziviler mutmaßlich. Er macht seine Biografie ein wenig zum Datenquiz. Heute lebt er in Koblenz. Also immer noch am Rhein.


Im August hat er sein erstes E-Book herausgebracht: „Afghanistan Horsegirl“. Das hier ist sein zweites zu dem Land am Hindukusch. Schaaf hat sich beschäftigt mit dem Thema. Man merkt, dass es ihn fasziniert. Gerade, weil es noch längst nicht Geschichte, sondern brandaktuell ist. Da darf man nicht anfangen, die Vorgänge und ihre unterschiedlichen Protagonisten einmal nicht mehr so ernst zu nehmen. Sondern angesagt ist aufzumerken und sie sich zu erschließen. Auch den „Afghanen“ als unbekanntes Wesen, das er nicht ist. Was zumindest die Interessierten und Informierten wissen, die sich nicht an Stammtischen einigeln, sondern raus trauen. Unter die Leute, auch die leutseligen.


Schaaf lässt seine Protagonisten in ihren Rollen agieren – mitten in der Jetztzeit mit ihren Militärkonflikten und Finanzkrisen. Der Thriller-Plot beginnt in Kabul: Eigentlich willkommene Abwechslung, trifft der Schweizer Medizin-Professor und UN-Drogenbeauftragte Beat Hodler bereits in der Hauptstadt, dem Ausgangspunkt seiner Nachforschungen auf extreme Widersprüche über die Herkunft der Drogen, deren Missbrauch er als Mitglied einer internationalen Kommission zu bekämpfen trachtet. Sie zu lösen reizt den Prof, da die Behauptungen eines reichen Teppichseidenfabrikanten wahrhaft und bitter, dabei gleichzeitig höchst seltsam klingen. Der UN-Beauftragte entschließt sich zu einem riskanten Unternehmen: Er zieht ins hohe Gebirge nahe der Grenze zu Tadschikistan. Dort oben, in einem kleinen Flecken im äußersten Nordosten, dessen Dorfältester sich zu selben Zeit im Gefängnis in Kabul den Kopf darüber zerbri cht, wer in der Hauptstadt ausgerechnet an seiner Verhaftung interessiert sein könnte, lernt der Prof die Faktoren für den Mohnanbau in diesen Gebieten kennen. Er trifft den kreativen, innovationsfreudigen Agraringenieur Khaled und dessen uneigennützige Geliebte Sanaubar, die ihren Lebensunterhalt mit dem Ritzen von Mohnkapseln verdient und sich um Shanzai kümmert, eine jugendliche Versehrte, die aufgrund eines Selbstmordattentats ihre Arme und ein Bein verloren hat, jedoch nicht ihren heiteren Lebensmut und unersättlichen Wissensdurst. Beat Hodler gerät in Lebensgefahr, da er argen Dunkelmännern verschiedenster Couleur begegnet, so Marodeuren, Söldnertrupps, al-Qaida-Terroristen, War Lords und Drogenbaronen, aber auch in Opiumgeschäfte verwickelten Diplomaten und Geheimdienstlern wie den berüchtigten, sagenhaften US-Agent, der als der „weiße Ibrahim“ bekannt ist und schon in Roger Willemsens Afghanistan Rei se Erwähnung findet.


Bald hat der Prof das Gespinst durchschaut, hinter dem Schlafmohn angebaut und Rohopium geschmuggelt wird. Dabei hat Schaaf ein Händchen bewiesen für die Verkettungen und Verbandelungen zwischen seinem Protagonisten und dessen Gegenspieler. Der Gute muss sich mit dem Bösen auf diffizile Weise auseinandersetzen, Alltäglichkeiten und Sachzwänge sind irgendwie miteinander verflochten. Und da sitzen Geheimdienstler und Polizisten keineswegs nur tatenlos auf ihren Posten – aber natürlich wird trotzdem erkundet und erörtert und agiert.


Schaaf baut eine recht stringente Handlung, schlägt den Spannungsbogen von der Hauptstadt Kabul bis zu dem kleinen Dorf im Hochgebirge, und blickt seinen Figuren über die Schulter bei dem, was sie tun – dem Agraringenieur und seinen regen Landsleuten. Dem mächtigen Geheimagent, der aus einem klassischen Agenten-Thriller stammen könnte. Der gewitzte Professor scheint eher ein Held aus einem Abenteuer-Epos. Aber es passt. Denn über diesen Osten am Hindukusch und seine Aktualität gibt es schon ein paar Geschichten, nicht nur eine. Mehrere Sichtweisen. Die verzückten und die pompösen, die nüchternen und die realistischen.

 

Alle sind existent und damit gleich gültig. Alle zusammen ergeben erst das, was man Geschichte nennen kann. Und es darf durchaus diskutiert werden über das Genre dieser Krisenwelt: Tragödie oder Drama? – Der beliebteste, profundeste Berichterstatter aus und zu diesem Land ist Pierre Schol l-Latour. Ihn zitiert Schaaf. Genauso wie er einen deutlichen Hinweis auf Roger Willemsen gibt. Und zeigt belletristisch und nachvollziehbar auf, was hinter den Medienberichten über Afghanistan steckt. Menschen. Stämme. Völker.
Schaaf hat es geschafft, die Palette der Farben Afghanistans auszureizen. Hier und da richtig üppig und dabei immer spannend. Textliche Kapitelbenennungen wären wirklich nicht schlecht gewesen – wer oder was, wann oder wo. Würde passen zu diesem unübersichtlichen Land Afghanistan, wo alle einmal Sieger werden wollen und niemand Verlierer werden darf. Wo die Droge „Afghanistan Dragon“ abbleibt, das Opium bzw. das Heroin, kann man wissen oder zumindest ahnen, und was es für die afghanische Landbevölkerung alternativ zum Schlafmohn anzubauen lohnt, ist durchaus bekannt – nicht nur edles Rosenöl.

 

Mona Rauscher 2011