Hanser 2015
Hanser 2015

A.I. Kennedy – Der letzte Schrei

 

Ernüchternd

 

Sei es der Junge am Strand, der mit lapidarem Blick einem Schwimmer zuschaut, der es unter Umständen nicht gegen die Strömung schaffte, während er selbst viel mehr mit diesem kleinen Welpen zu tun hat.

 

Sei es die Frau, die durch die putzigen Gassen der für Touristen hergerichteten kleinen Stadt läuft, innerlich seltsam leer, das Handy abgeschaltet und doch innerlich nirgend wirklich verweilen kann, der Blick unstet.

 

Oder sei es die Frau, die selbst noch die Räume einer Bausparkasse zu benutzen denkt, um endlich den Mann in seinem ständigen Verbergen von allem (selbst einer kleinen Feige) zu erschüttern.

 

Es sind Paare, die Kennedy in den Mittelpunkt ihrer neuesten Erzählungen rückt. Es ist, hinter den vordergründigen Protagonisten die innere Leere, die Bedeutungslosigkeit all dessen, was geschieht (und genauso gut auch nicht geschehen könnte), die den Leser von Erzählung zu Erzählung mehr in den Bann zieht.

 

Mit ganz eigener Sprache und ganz eigenen Stilmitteln, für die es doch eine Zeit des Einlesens bedarf, rückt Kennedy die Stille und Leere vermeintlicher Liebensbeziehungen, deren ausweglose Unerfülltheit in einem ganz lapidaren, kühlen Stil in den Blick.

 

„Hier war der Kopfschmerz, der langsamer pochte, so plötzlich nachließ, dass ihr beinahe die Tränen kamen“. Tränen vielleicht auch, weil das Bett im Hotel nicht mehr „unbesetzt“ ist. Weil „Er“ angekommen ist und doch nur tiefes, inneres Schweigen herrscht mit fast hilflosen Gesten, die doch zueinander irgendwie hin deuten könnten. Vielleicht.

 

Dieses „Mach dir nichts draus“ des Jugendlichen scheint wie eine Überschrift sich durch die Geschichten zu ziehen. „es konnte nicht ewig gehen“.

 

Und auch wenn hier und da ein Funke Hoffnung auftauchen mag, am Ende zerfließt wieder alles in Bedeutungslosigkeit.

 

„Seine Mutter würde ihnen keine Chance geben. Mach dir nichts draus“.

 

Wohl deswegen tritt Simon den Welpen, der sich anschmiegen will, ganz unvermittelt und hart, so dass auch der Leser unversehens zusammenzuckt über diese und andere leere, irrationale, verschreckende Handlungen und Haltungen.

 

Ist so das wahre Leben? Dass die Suche nach „etwas Besonderem“, nach „fühlbarer Nähe und Vertrautheit“, die doch Menschen all überall antreibt, die als „Romantik“ hunderte von Filmen und Büchern füllt im „echten Leben“ immer unerfüllt, lapidar, einfach so, Stück für Stück in sich zusammenfallen wird und nichts als eine teils schmerzliche, teils schon gegeben hingenommen Leere verbleibt? Ob beim ersten „Annähern“ schon oder nach Jahren der Gewohnheiten?

 

Weder inhaltlich noch in Form und Stil bietet Kennedy leichten Stoff. Und manches Mal scheint es, als würde durch die Form der Sprache eine Bedeutung aufgeladen, die inhaltlich nicht wirklich zu finden ist. So verwundert es nicht, dass bei vielen der Erzählungen das Ende seltsam unbefriedigend und manchmal fast unklar im Raum verbleibt.

 

Es sind allesamt Beziehungen, auf die man sich als Leser einlassen muss (was nicht immer leicht fällt und nicht immer gelingt), die am Ende allerdings auch für das eigene Weltbild kühle Fragen offen lassen und daher weiterwirken. Fragen, ob man selber hier und da ebenso „gestrandet“ ist, wie die Personen jeweils in den Geschichten an oft wenig einladenden Orten.


M.Lehmann-Pape 2015