Berlinverlag 2014
Berlinverlag 2014

A.S.A. Harrison – Die stille Frau

 

„Gone Girl“ als tiefenpsychologischer Roman

 

In der äußeren Form und im Sujet ähnelt dieser neue Roman von Harrison durchaus dem Bestseller „Gone Girl“, ohne allerdings dessen offenkundige Bösartigkeit der Protagonisten zum Thema zu machen. Letztlich, in diesem Roman, sind die beiden Hauptpersonen in all dem, was passiert, eher Opfer ihrer selbst denn Täter am anderen.

 

In abwechselnder Perspektive von „Sie“ und „Er“ wird der Leser mitten hineingeführt in ein verschachteltes, verzweigtes Beziehungsgeflecht zwischen einem Mann und einer Frau, die auf den ersten Blick wie ein gestandenes, stabiles Paar wirken.

 

Auch wenn schon bald deutlich wird, dass Todd kein Kostverächter ist, was attraktive Frauen angeht. Auch wenn klar wird, dass Jodi das weiß. Aber, wie bei so vielem, das wird nicht Thema, da wird geschwiegen.

Nicht in unguter Weise, zunächst, übrigens. Sondern in einer klaren Sicherheit, einer Art stillem Agreement, dass solche „Eskapaden“, solche „Haare auf dem Revers“ eben nicht die Basis der eingespielten Beziehung beeinträchtigen.

 

Doch schon bei den äußeren Dingen, die der Leser zunächst kennenlernen wird, schwant, dass nicht nur in der Beziehung, sondern auch in den Personen der Beteiligten, vor allem in Jodie, Abgründe nur darauf warten, sich zu zeigen.

 

Während Todd, „klassisch Mann“, über vieles gar nicht tiefer sinniert, als Bauchmensch seinem Ehrgeiz und seinen Flirts folgt, einfach „tut“ und ebenfalls „aus dem Bauch heraus“ die stetige, immer gleiche „Vollversorgung“ durch Jodie sehr zu schätzen weiß, beginnt der Leser sich bereits zu fragen, wie das wohl ist, wenn da eine alles immer in Perfektion hält.

 

„Das Gefühl der Distanz liebt sie am meisten hier oben“.

Und nicht nur in der Wohnung. Distanz ist ihr Lebenselixier. Aber nur, solange die anderen eben nicht auf Distanz gehen.

 

Die Handgriffe in der Küche, die gezirkelt aufgeschlagene Bettdecke, die immer passende Kleidung, die immer gleichen Rituale, die immer gleiche  Konversation mit ihrem „Lebensgefährten“. Dieses Leben, das sich in äußeren Handlungen zu erschöpfen scheint.

 

Und das, wo Jodie selbst als Therapeutin tätig ist. Aber auch da, erfährt der Leser, werden die wirklich belastenden Momente, das, was eng kommen könnte, das, was Jodie den Spiegel ihres wahren Selbst vorhalten könnte, was zu nahe rücken könnte, zur Seite geschoben.

 

Jodie ist eine Frau, die alles und jeden, sich und die Situation, ihren Lebensgefährten und ihre Klienten „kontrolliert“.

Keine Heirat, keine Kinder, all das könnte ja engführen, sie auf eine gleichwertige Ebene mit dem Partner, den anderen bringen, ihr das Podest, von dem aus sie reguliert und kontrolliert, nehmen. All das hat Gründe in der Vergangenheit, die sich dem Leser im Verlauf der Lektüre erst langsam erschließen werden.

 

Und da wird es gefährlich werden.

 

„Denn es wird nur noch wenige Monate dauern, bis sie zur Mörderin wird“.

Das spürt der Leser, vor allem durch die ruhige, stetige, dennoch temporeiche und sehr die Tiefe auslotende Sprache Harrisons, die den Leser mitten hineinzieht in diese dichte, hintergründige Emotion beider Protagonisten.

 

Bis zu dem Punkt, an dem Jodi gezwungen wird, zu sehen, was ist. An dem sie nichts mehr wegschweigen, weghören, umdeuten kann.

 

Schwierig, wenn dann der Mann seinen abendlichen Kakao zubereitet bekommt, die Lebensgefährtin aber vorher eine Dose Schlaftabletten, ausgestellt auf die Geliebte des Mannes, in dessen Jackentasche gefunden hat. Es bleibt abzuwarten, wie Todd der Schlummertrunk bekommt.

 

Und es bleibt abzuwarten, wann und wie genau Jodi ihre innere „Stille“ und eiserner „Kontrolle“ ihrer Selbst und ihrer Umgebung nicht mehr aufrecht erhalten kann und was dann passiert.

 

Intensiv erzählt, in jeden Winkel ihrer Personen auslotend und mit einem inneren Zug, der dann nicht mehr aufzuhalten ist und das, was passiert, folgerichtig und dramatisch nach sich ziehen wird mit oft nur noch mühsam aufrecht erhaltener Fassade, bildet dieser Roman ein psychologisch spannungsreiches Buch, das allerdings im zweiten Teil auch seine Längen mit sich bringt, trotz des überraschenden Endes (das zu lapidar erzählt wird).

 

 

Ein Roman, bei dem weniger das, „was“ passiert die Spannung ergibt, sondern der Weg „wie“ und die inneren Gründe „warum“ es passiert.

 

M.Lehmann-Pape 2014