Piper 2012
Piper 2012

Adam Ross – Ladies and Gentlemen

 

Wie man so treibt durchs Leben

 

Adam Ross ist nicht nur ein begnadeter Romancier, wie er mit „Mr. Peanut“ nachgewiesen hat, sondern versteh es auch, seine Grundfragen, seine Beobachtungen, in kleinere Geschichten zu fassen, wie es dieser Band zeigt.

 

Vom Titel her abzuleiten geht es in diesen sieben Geschichten des vorliegenden Buches zumindest vordergründig um Frauen und Männer, die Verhältnisse, vor allem die Kräfte des Alltages und was sie an Mattigkeit, an sich verschleißender Dynamik auf Dauer bewirken.

 

Aber nicht nur die Irrungen und Wirrungen, die Ermattung der Beziehung unter dem Stress des Alltages sind aus diesen Geschichten herauszulesen, sondern auch eine ganz andere, ebenso wichtige Beobachtung setzt Ross sprachlich geschliffen mit in den Raum.

 

Dass eben das Leben oft von „irgendwas“ innerlich in Richtungen getrieben wird. Mithin die Frage, ob wir es sind, die bewusst und klar Entscheidungen treffen oder ganz andere, „ermattende“ Kräfte uns vor uns her treiben.

So, wie der geschiedene Universitätsdozent, der sowohl bei der Möglichkeit, endlich eigenständig kreativ Material für ein eigenes Buch zu verwenden, wie auch bei der Möglichkeit, sexuell endlich einmal wieder zum Zuge zu kommen und wie auch bei den Umständen, die ihn in das konkrete Haus gebracht haben, in dem er nun eigentlich gar nicht verbleiben will, eine erschreckende Entscheidungsschwäche offenbart. Wie er bei allem, was sich zufällig ihm auf den Weg wirft vor allem eines versucht, nämlich einen großen Bogen um eine Festlegung, eine Verpflichtung zu machen.

 

„Die Welt erschein ihm zu groß, das Glück zu flüchtig, als dass der Mut des Einzelnen belohnt würde“. Und das raubt jede klar ausgerichtete Energie. Auch wenn er noch hinter her schiebt: „Und trotzdem durfte man am Ende nicht untätig bleiben“.

 

Ebenso in der Titelgeschichte des Buches, diesmal aus Sicht einer Frau, die ebenso den Energieverlust des Alltages erlebt, die erschreckt feststellt, dass sie sich kaum erinnern kann, was sie genau gestern getan hat. Und die auf einer Konferenz einen Kick erleben könnte, mit einer ehemaligen Jugendliebe. Was wird sie tun? Vor allem aber, und das arbeitet Ross wunderbar heraus, was genau entscheidet eigentlich, welchen Weg sie wählt? Der Verstand? Eine klare Überzeugung? Oder irgendein unnennbares „Haben wollen, Erleben wollen“, dem man hilflos gegenüber ausgesetzt ist, wissend, dass auch dort keine Erfüllung zu finden ist.

 

Ernüchternde Einblicke in das menschliche „Beziehungsleben“ und die eigenen, persönlichen Kräfte sind es, die Adam Ross sprachlich wunderbar umgesetzt gibt. Tatsächlich eher ernüchternd denn depressiv, obwohl ein melancholischer Unterton sicher sich wie ein roter Faden durch die sieben Geschichten zieht. Vielleicht ist es aber auch einfach nur ein realistischer Blick auf die Geschichte zwischen Männern und Frauen und das Alltagsleben in der modernen Welt, das in ein eher illusionsloses Dahingleiten mündet und nur noch hier und da Hoffnungen eher als Illusionen kurzfristig in den Raum setzt.

 

Sieben Geschichten aus der Mitte eines Lebens „in Ermattung“, das einen abgeklärten Blick auf die alltäglichen Entfremdungen in Beziehungen wirft und den ebenso ernüchternden Umgange mit diesen. Sprachlich hervorragend in Szene gesetzt.

 

M.Lehmann-Pape 2012