Piper 2011
Piper 2011

Adam Ross – Mr. Peanut

 

Die dunkle Seite der Ehe

 

„Die Phantasien brachen einfach so über ihn herein“.

 

David Pepin kann sich gar nicht der dunklen Vorstellungen erwehren, die ihn heimsuchen. Unbewusst, eher sporadisch träumt er. Von der Ermordung seiner Frau. In mannigfaltigen Varianten. Phantasien, die übrigens  im gesamten Verlauf des Buches auch über den Leser hereinbrechen auf den vielfach verschlungenen Pfaden, den die Ehen der Protagonisten im Buch nehmen.

 

Doch zunächst David. Natürlich will er nicht ernst machen. Es ist nur so, dass sein Leben sich verändert. Alice, seine Frau auch.  Mit dem Kinderwunsch hat es nicht funktioniert und sie flüchtete in das Hineinstopfen von Essen. Mit Folgen. Was David nicht daran hindert, wilden Sex im Auto mit seiner übergewichtigen Frau anzugehen.

Ansonsten? Ansonsten flüchtet David in die Phantasie und beschäftigt sich damit, einen Roman zu schreiben. Und träumt von der Ermordung seiner Frau. Nicht mehr.

 

Doch plötzlich kommt alles anders und der Traum wird Realität. Alice erstickt an Erdnüssen, gegen die sie hochallergisch ist. Aber David wusste doch um diese Allergie, Alice ebenfalls. Warum aß Alice Erdnüsse? Selbstmord? Warum half David nicht? Mord? Fragen über Fragen, die nun im Rahmen der polizeilichen Ermittlungen einer Klärung bedürfen.

 

Adam Ross nimmt diese Ausgangssituation auf und entfaltet vor den Lesern, aufgehängt am Rahmen der Ermittlungen, ein intensives, dichtes, differenziertes Bild des Lebens, der Entwicklungen, der Geschichte der Eheleute Pepin (und anderer Ehen). Und der Ehe an sich. Der Ehe, die, nach Verglühen des ersten Liebesreigens stark in Gefahr steht, still zu stehen, die Entwicklungen der Beteiligten zu hindern. Aus Sorge heraus, zu bewahren, was immer man meint, was die Ehe sein soll. Und gerade durch dieses zwanghafte Bewahren ist zu erleben, wie Eheleute einander zur Last werden. Bis zur Mordphantasie. Was übrig bleibt am Ende des Tages, ist, dass der eine den anderen für sein nicht gelebtes Leben und all die falschen Abkürzungen verantwortlich macht.

Und doch könnte es anders sein, so zumindest denkt es sich David oft und oft. Nicht nur er.

 

Erschwert werden die Ermittlungen durch die persönlichen Probleme der Ermittler, die beide in ihren Ehen ebenfalls nicht auf einem harmonischen und ruhigen Grund gebaut haben. Drei Hauptfiguren, drei Ehen, allesamt unglücklich, keiner der Figuren taugt als grundlegender Sympathieträger und Adam Ross macht sich auf, all das in seinen umfangreichen Roman zu fassen, was an Stillstand , Resignation, Entfremdung, aber auch an verzweifelter Hoffung eine Ehe moderner Prägung ausmachen kann.

 

All drei männlichen Protagonisten sind gefangen in dieser Welt der unzufriedenen Ehe und alle drei finden andere Umgangsformen mit diesem Zustand, allesamt keine eindeutigen Umgangsformen und überall lauert Gewalt, Mord und Unruhe.

 

Eine komplexe Ausgangssituation somit, die den Leser mitten hinein nimmt in diese undurchschaubare Welt vermeintlich tragfähig wirkender Ehen, die von Innen betrachtet nur mehr Lähmung beinhalten. So ist es wie ein Bild, dass die Ehefrau eines der Ermittler seit Monaten das Bett nicht mehr verlassen hat. Warum auch? Wofür auch? Gelähmt eben.

 

In einem überragenden literarischen Stil öffnet Adam Ross die Büchse der Pandora und variiert in vielfachen Erzählzweigen literarische und filmische Vorbilder. Er zieht den Leser mit wie durch einen Sog in die Innenwelt seiner Figuren und legt den Finger traumwandlerisch sicher und sprachlich wie sezierend auf all jene Momente des gemeinschaftlichen Lebens, die einem einerseits die Nackenhaare zu Berge stehen lassen und andererseits immer auch als Weggabelungen zu verstehen sind, an denen die Protagonisten es wieder und wieder nicht schaffen, die eingefahrenen Bahnen zu verlassen.

Ob man nach der Lektüre des Buches noch heiraten sollte? Durchaus.

Ebenso, wie schon bestehende Ehen prüfend wohlwollend betrachtet werden können.

Wenn man aus all dem bereit ist, zu lernen, das Adam Ross wie ein Kaleidoskop an ehelichen Farben vor die Augen stellt.

 

Das Buch ist ein Erlebnis.

 

M.Lehmann-Pape 2011