C.H.Beck 2015
C.H.Beck 2015

Adolf Muschg – Die Japanische Tasche

 

Überbordend in den Motiven und hervorragend in der Sprache

 

Vielfach sind die Verbindungen zwischen den Personen, aber auch zwischen Ereignissen (wie eben dem Verlust der im Titel erwähnten japanischen Tasche), denen Adolf Muschg in seinem neuen Roman nachgeht, nachspürt, nachsinnt und bis in symbolbehaftete, märchenartige Tiefen auslotet.

 

So beginnt der Roman zwar zunächst in der (scheinbaren) Gegenwart der Ereignisse und des Professors für schweizerische Geschichte, Beat Schneider, in einem einfachen Zug, erster Klasse, auf dem Weg nach Hause.

 

Aber weder die Zugfahrt noch das „zu Hause“ sind die einfachen, klaren Orte, die vielleicht in den Begriffen mitschwingen können.

 

Einen „Personenunfall“ zwingt den Zug zu einem längeren Stopp (und, darauf sei hingewiesen, zumindest der Begriff des „Personenunfalls“ (wenn nicht sogar dieser konkrete) werden mit dem Leben von Beat Schneider eng verbunden werden. Später dann, wenn die Linien der Erzählungen beginnen, zusammen zu laufen.

 

Das „zu Hause“, ein Atelier an einer Villa, auch dies ist nicht einfach nur ein Ort des Rückzugs oder des Wohlgefühls, die Villa ist ein Ort, der eine Familiengeschichte mit unschönen Wendungen nur zu gut kennt, das Atelier ein Ort, an dem Schneider selbst Höhen Tiefen erlebt und erlitten hat. Und der Ort, von dem nun die Fäden der Geschichte nach hinten und nach vorne sich ausspinnen werden. Aus vielen Perspektiven heraus, soweit, dass irgendwann Schneider selbst seinen Mittelpunkt im Buch ein stückweit räumen wird für seine Freundin, Verbündete, Verbundene, oft aber auch entschwindende Elinor. Tochter des „guten Hauses“ und seiner prägenden Figur, ihrer Mutter Alice.

 

Und mitten drin Schneider, der „andere Gründungsfiguren“ in seinen historischen Forschungen sucht und der eigentlich „das tapfere Schneiderlein“ aus dem Märchen ist. Was aber nur er und seine ehemalige Kinderfrau wissen, die ihm al jene Märchen nahgebracht hat (und seine finanziellen Mittel zudem noch), als Teil des Lebens, die nun immer wieder in ihm lebendig werden, in die er manches Mal versinkt, deren Symbolik sein Erleben mitgestalten.

Und nicht nur seins.

 

Viele Fäden nimmt Muschg auf, geht Personen und deren Ergehen und deren Verflechtungen nach, erzählt die Ehegeschichte Schneiders mit LouAnne (und dieser ominösen japanischen Tasche), der Zeichnerin, der Frau, die ihn benötigt und die er dennoch verliert,  und die von Alice und die von Elinor bis hin zum Weiderauftreten „Sutters“, der Hauptfigur seines letzten Romans, der für Beat Schneider eine ungeahnte Nähe in sich trägt und eine Schlüsselfigur im letzten Teil dieses Romans ebenso darstellt.

 

Fäden, die Muschg mit Ruhe aufnimmt. Für die er sich Zeit lässt, ohne sprachlich zu sehr auszuschweifen. Es reichen wenige Worte, eine kleine, innere Reaktion, um dem Leser plastische Bilder (allein schon die Toilette des stehenden Zuges) hautnah spürbar vor Augen zu stellen.

 

Während das Eindringen in abstraktere Welten dafür breit erzählt wird, den Leser ein um das andere Mal zurückblättern lässt, um in den kräftigen sprachlichen Bildern nicht den Überblick über die Fäden der Handlung zu verlieren.

 

„Jeder beherbergt ein Universum….Ist das nicht wunderbar. Und damit lebt sie noch lange nicht. Leben passiert durch Vernetzung. Und das Netz steht in den Sternen. Zeigen können wir es noch nicht…..wir können in sein Minimum dringen und es entwischt uns immer ins noch Kleinere“

 

Ein Satz im Buch, der fast programmatisch auch das Buch selbst beschreibt.

 

Aber fantasieren, emotional spüren, das vielleicht. In diesem breit vernetzten, fantasievollen, allerdings hier und da überbordenden Roman, in dem sich der Leser auch zu konzentrieren hat, auf die Bedeutung der Symbole, die Funktion der Märchen, das Ergehen der Personen in der fassbaren und der Gedankenwelt.

 

Sprachlich hervorragend und anregend bildet dieser umfassende Roman allerdings auch vielfache Herausforderungen und (gewollte) Brüche samt so manchen „Abgleitungen“ in Abstraktionen hinein, die vermeintlich klare Linien immer wieder zu wilden Kurven gestalten.

 

Eine empfehlenswerte Lektüre trotz (oder gerade wegen) der vielen  Volten, die Muschg im Buch schlägt.


M.Lehmann-Pape 2015