Knaus 2016
Knaus 2016

Aleksander Hemon – Zombie Wars

 

Wenn der soziale Sprengstoff zündet

 

Wie nun Joshua Levin, im Hauptberuf Englisch Lehrer für Migranten, darauf kommt, dass er eine wie immer geartete Begabung zum Verfassen von Drehbüchern besitzt, so richtig gezündet hat das noch nicht.

 

Und auch, was er als „neuen Zombie-Film“ aktuell in seinen Fantasien vor sich ablaufen lässt (und was im Buch immer wieder als Seiten dieses neuen Drehbuches dem Leser mit präsentiert wird, so richtig neu, anders, auch nur spannend, ist das alles nicht.

 

Vielleicht sollte Levin sich sein eigenes Leben zum Drehbuch nehmen? All die Leute, die ihn umgeben, auf die er trifft, zu Helden eines noch nicht gedrehten Films gestalten?


Denn da liegt schon genügend Stoff bereit, um zumindest den aktuellen Zustand der Welt, zumindest die individuelle und damit auch die gesellschaftliche Entwicklung Amerikas mal näher zu beleuchten.

 

„Keine Erinnerung aus irgendwelchen Filmen konnte ihm sagen, was er tun sollte, wenn sich tatsächlich jemand in seinem Schlafzimmer befand. Und so erstarrte er bloß, als er den Mann entdeckte, der auf dem Fußboden kniete“.

 

Was nun sich zunächst liest wie ein Teil eines Thrillers, einer Verschwörung, zumindest eines gefährlichen Einbruchs entpuppt sich als die Suche nach gebrauchten Männerunterhosen. Zu einem bestimmten Zweck natürlich.

 

Und schon hier, in einer der frühen Szenen des Romans zeigt sich, wie genau Hemon beobachtet, was mit den Menschen in seinem Umfeld, in Amerika passiert und das er ebenso die Gabe besitzt, dies in surreal wirkenden Handlungen und Szenen packend niederzulegen. Denn anscheinend reicht der Alltag noch nicht mal für einen ordentlichen Einbruch, sondern zeugt auch in solchen Momenten nur von der Verwirrtheit der einzelnen Personen im Roman. Zeugt von einer Art „insulären Lebens“, bei dem nur noch die eigene Sicht, die eigenen Verschrobenheit als Mittelpunkt der Welt gesehen werden können.

 

Wie auch der (eher selbsternannte) Leiter des Drehbuchseminars schon an hier und da auftretenden roten Flecken erkennen lässt, dass in ihm die ein oder andere Sicherung nicht mehr richtig geschaltet ist. Und natürlich nicht eher damit zu tun hat, dass er nicht in Hollywood sitzt. Sondern „die da“ und überhaupt seine freie Entscheidung.


Da scheint die Freundin Joshuas die einzige Konstante, der einzige Lichtblick mit festem Stand zu sein. Kimmy, Kinderpsychologin, die Joshua aus ihm (und auch aus den Augen des Lesers) eher unerfindlichen Gründen zu ihrem Auserwählten gewählt hat.

 

Aber ist sie wirklich die stabile und klare Person, die sie scheint? Und warum riskiert Joshua sein Glück mit einer seiner Schülerinnen (zumindest in der Fantasie), wenn er doch froh sein könnte, Halt zu finden bei all dem, was da den Bach hinuntergeht im Land.

 

Aktionen Joshuas, die Folgen haben werden und ihn selbst zu einem Verfolgten machen.

 

Und so passt es wieder, dass in Joshuas Kopf ein Zombie Film abläuft, denn nichts Anderes ist dieses Genre ja als eine blutige Darstellung der Aufweichung und Zerstörung allen Gewohnten, aller Abläufe, aller Sicherheiten, aller gesellschaftlich sichernder Rahmungen.

Mit einigen Längen versehen ist die Geschichte des Joshua Levin allerdings gerade im Mittelteil des Buches, da, wo der Leser sich zum einen im Universum der sehr eigenartigen Figuren zurechtgefunden hat und bevor die Ereignisse wirklich Fahrt aufnehmen, denn ebenso wie seine erdachte Hauptfigur sich gegen eine Zombie-Invasion zu stellen hat, sieht sich auch Joshua realen Verfolgungen und Gefahren gegenüber, die nicht einfach von der Hand zu weisen sind.

 

Auch wenn die Welt sich darstellt wie jene „Fahrradständer, die austauschbar vor sich hin rosten“, in einer Welt voll bunter Vielfalt an Angeboten und Kulturzugehörigen, die alle ziemlich matt und müde wirken, teils schliche Wut ausstrahlen oder „in ihren Zombiemobilen saßen und ihr madenfreundliches Fleisch mit Kaffee verbrühten“.

 

Da spürt der Leser auch Wut hinter den Zeilen auf eine lethargisch untergehende Welt, auf egomanischen Menschen, auf das Verstörende eines „mit sich allein gelassen Werdens“, das Hemon lesenswert, aber nicht durchgängig ohne Längen und manche Verwirrung beim Leser diesem vor Augen führt. Spielerisch und dennoch mit einem latent harten Blick auf die Welt der Gegenwart.

 

M.Lehmann-Pape 2016