Hoffmann und Campe 2018
Hoffmann und Campe 2018

Alessandro Baricco – Die junge Braut

 

Das leichte Leben mit dramatischen Hintergründen

 

Vielleicht hält man sich als Leser dieses sprachlich opulenten Romans zunächst und immer wieder einmal an der Seite von Modeste, dem Diener der alteingesessenen Industriellen-Familie, die mit Webstühlen, Stoffen und Tuch reich geworden ist.

 

Ein Diener, der die Kunst perfektioniert hat, durch die verschiedensten Formen von „Kehlkopf-Geräuschen“ Situationen zusammenzufassen, Nachricht zu geben, Stimmungen zu klären, Vorsicht zu gebieten.

 

Denn, und es spricht für die Kunst Bariccos zur fugenhaften Gestaltung dieses Romans, das das „Ich“ im Roman, die subjektive Perspektive, fließend zwischen der überschaubaren Zahl an Personen, die den Roman bevölkern, wechselt. Teils mitten im Satz vollzieht sich die Erzählung in dritter oder erster Person, was nicht immer ganz einfach zu entwirren ist, aber für ein intensives und flüssiges Leseerlebnis sorgt, in dem alle Facetten zu einem komplexen Ganzen zusammenfinden.

 

Ohne großartige Namensgebung (bis auf den Diener und den Mann für die „Ausführungen“ privater Angelegenheiten), werden Figuren in ihrer „familiären Funktion“ benannt.

 

Der Vater. Die Mutter. Der Sohn. Der Onkel. Die Braut.

 

Was dabei zunächst als opulente Poesie und teils fast zu gewollte Bildkraft wirkt in den einzelnen, überaus kunstvoll gestalteten Satzkonstruktionen, erweist sich auf den zweiten Blick als eine faszinierende Präzision der Beschreibung. Von Stimmungen, Atmosphären, Erlebniswelten und Beziehungsgeflechten.

 

„Verhangene Sonne, leichte Brise. So wird es sein“.

 

Wird er sein. Der Tag, der kommt. Den der Diener jeden Morgen zu beginnen hat. Und ohne diese konkrete Beschreibung des Tages, der ansteht, dürfte er die „Herrschaften“ gar nicht wecken. Die allesamt eines vor allem verbindet: Die Nacht zu überstehen. Denn in dieser Familie der zunächst scheinbar wohltemperierten Gefühle und hedonistischen Lebensweise wird „immer nur nachts gestorben“. Und das ist mit das Wichtigste, was es zu vermeiden gilt.

 

Dass die dabei „vorherrschende Temperatur“ der Gefühle und Leidenschaften nicht ganz stimmig ist, dass dies in Teilen zudem fast „Lethargie“ zu nennen wäre statt „Haltung“, das erschließt sich erst aus dem Fortlauf der Geschichte. Die traumwandlerisch sicher zupackt (und dennoch einige Längen und Unklarheiten aufweist, die hier und da ein Zurückblättern wohl erforderlich machen, um auf der Höhe der Entwicklungen zu bleiben).

 

Eine Art des Lebens, aber auch der umschreibenden Methode, mit der Baricco sich diesem Konglomerat an Figuren nähert, die in der Person des „Onkels“ wie stellvertretend gesetzt ist.

 

Einer, der die Kunst des „ständigen Schlafens“ perfektioniert hat (und dabei ein gefülltes Champagnerglas ohne Weiteres balanciert). Einer, der dennoch alles mitbekommt. Der, in den meist wenigen Pausen seines Schlafs sofort auf der Höhe des Geschehens ist und mit großer Klarheit seine Einsichten benennt. Um umgehend wieder „weg zu gleiten“.

 

Aber auch hier trügt der Anschein. Sowohl, was den Verwandtschaftsgrad des Mannes angeht, als auch sein „Weggleiten“. Denn die „junge Braut“ wird ihn eines Tages „nicht weggleiten lassen“ und damit einen Wendepunkt in dieser Geschichte erzwingen.

 

In der „der Sohn“, der Verlobte, lange Zeit durch Abwesenheit glänzt. Schlicht vergessen zu haben scheint man im mondänen Haushalt, dass drei Jahre vergangen sind und die ehemals 15jährige Braut nun volljährig zur verabredeten Hochzeit vor der Tür steht.

 

Wie das passieren konnte, wo der Sohn ist, was es mit den morgendlichen Telegrammen des Sohnes auf sich hat, warum eine Weile lang ständig ominöse Gegenstände von ihm aus dem fernen England ins Haus gesendet werden (man versteht es im Haus zunächst als „Rückkehr auf Raten), was ein „beweglicher Unterleib“ alles in Gang setzen kann du warum dies folgerichtig zum letzten „Haus“ führt, das im Buch erwähnt wird, das alles erfährt der Leser in diesem verschachtelten Roman emotional und in den Fakten erst langsam, dafür aber von allen nur denkbaren Seiten in vielfachen Geschichten aller Beteiligten.

 

 

Poetisch, nicht immer einfach, auf jeden Fall ein Erlebnis, aber auch teils zäh zu lesen.

 

M.Lehmann-Pape 2018