Hoffmann und Campe 2016
Hoffmann und Campe 2016

Alessandro Baricco – Mr. Gwyn

 

Vielschichtig und sprachlich hervorragend

 

„Und er vermisste die tägliche Sorgfalt, mit der Gedanken in der gradlinigen Form eines Satzes angeordnet werden“.

 

„Und jetzt sah er sich gezwungen festzustellen, dass es ohne diesen Beruf sehr schwierig für ihn werden würde“.

 

Zwei Sätze, Gedanken des Mr. Gwyn, die ins ich die gesamte Idee des Buches, dessen, was da passiert und dessen, was an vielschichtigen Bildern und Metaphern von Baricco in diesem genutzt wird.

 

Wie sein Protagonist setzt Baricco „sorgfältig geordnete Sätze“ und zwar so, dass sie mühelos dahin geworfen erscheinen. Ein hoher Sprachfluss, klare Sätze, keine mäandernden ständigen Erweiterungen und Relativierungen.

 

Anders als Mr. Gwyn aber schreibt Baricco ja dieses Buch. Das, was der Schriftsteller Gwyn, der an sich schon durch die vielfältige Unterschiedlichkeit seiner erfolgreichen Werke aufgefallen war, nicht mehr will. Nie mehr.

 

Und doch drängt es.

 

Und dieses Drängen hat Tiefe hinter sich, die dem Leser vielleicht gar nicht unmittelbar bewusst vor Augen steht. Eine Tiefe, die in der Beschreibung des Ateliers, dass sich Gwyn einrichtet, dann deutlicher wird. Ein wenig abgewohnt soll es aussehen. Kabel und Rohre über Putz. Feuchteflecken hier und da. Und karg möbliert. Sehr karg. Faszinierend ist es, zu lesen, wie genau Gwyn jede Ecke, jeden Gegenstand des Zimmers in sich gefunden hat und nun im Äußeren Gestalt annehmen lässt.

 

Wie ein Bild der Essenz des Inneren von Gwyn und, darüber hinaus, des Menschen an sich. Mit dem Gedanken, dass jeder in sich etwas ganz Konkretes trägt. Einen Drang, ein Können, ein nicht nur „tun wollen“, sondern genau dies irgendwie „tun müssen“, um sich lebendig zu fühlen. Und je mehr Schichten an alltäglichen Dingen, Hobbys, Arbeiten, Verrichtungen man durchdenkt (und dazu nimmt sich Gwyn viel Zeit), desto klarer wird genau dieser Kern in dem „abgewohnten Wohnraum“, der bei älter werdenden Menschen eben die Persönlichkeit als Metapher wunderbar darzustellen vermag.

 

Also, Schreiben ja, Bücher nein. In einer Galerie findet Gwyn sein Ziel. Ein „Kopist“ will er werden, genauer verstanden im Fluss der Gedanken im Buch wird er „Portraits“ erstellen. Von Menschen. Mit Worten. Nur aus der Beobachtung heraus, wie ein Maler. Nicht mittels tiefenpsychologischer Gespräche den anderen, das „Objekt“ kennen lernen, sondern schweigend, betrachtend, sich versenkend.

 

Ein hochspannendes Unterfangen, dass, man denkt es vorher nicht, für eine sehr intensive Atmosphäre und ein spürbares „inneres“ Tempo in aller Langsamkeit der „äußeren“ Ereignisse sorgt.

 

Und wiederum vollzieht Baricco das gleiche, was er seinen Protagonisten tun lässt.  Er portraitiert. Nach Ende der Lektüre kennt der Leser diesen Mr. Gwyn in allen Schattierungen und Verästelungen seines Denkens und Fühlens, kommt ihm dicht nahe und spürt, wie dieser Charakter über sich hinaus in das Allgemeine, die Welt verweist.

Den Mut haben, das eigene Leben leben zu wollen. Die Kraft finden, wirklich Zeit dafür aufzuwenden, sich darüber klar zu werden. Die Feststellung, dass im eigenen Inneren nicht die unendliche Vielfalt, sondern eine Eindeutigkeit wartet. Das riskieren seiner selbst (Gwyn wendet alle Ersparnisse für die Umsetzung seines Plans auf) und das Finden seiner selbst in der Versenkung in einen anderen.

 

Bis das „ein geduldiges Handeln sich hier ein Ziel gesetzt und es schließlich erreicht hat“.

 

 

Das ganze zudem sehr klar, sehr lebendig, sehr unterhaltsam und wunderbar zu lesen geschrieben, bildet dieses Buch eine hoch empfehlenswerte Lektüre mit großem Tiefgang und einer andersartigen, frischen Geschichte im Vordergrund.

 

M.Lehmann-Pape 2016