S.Fischer 2015
S.Fischer 2015

Alexander Osang – Comeback

 

Musik „in der Wende“

 

Auch wenn Alexander Osang am Ende des Buches deutlich macht, dass im Buch nicht die Geschichte von „Silly“ oder einer anderen konkreten „Ost-Rock Band“ verarbeitet wird, die Ähnlichkeiten sind doch groß.

 

Vor allem, was das „Binnenverhältnis“ zwischen Tamara Danz und zweien Ihrer Musiker damals anging. Ein Binnenverhältnis, was auch bei den „Steinen“, der fiktiven Ost-Band im Zentrum dieses Buches, für „Leben“ sorgen wird.

 

Allerdings eher im Vorbeigehen, denn Osang bindet zwar die fiktive Musik und vor allem die Texte der fiktiven Band in seinen Roman mit ein („Wartesaal“ bringt die Atmosphäre in den 2-3 Jahren vor dem Fall der Mauer z.B. absolut auf den Punkt).

 

Im Kern erzählt Osang nacheinander auf verschiedenen Ebenen die Geschichte der Menschen in und um die Band herum (die nie den ganz großen Erfolg eingefahren hat und auch auf deren aktueller Comebacktour eher keine Stadien gebucht werden müssen).

 

Die Musiker, der Manager, die Tochter des Bassisten (die in spannungsreicher Beziehung aktuell lebt), das „Journalistengroupie“, der „Booker“, der damals mal ausgebootete Schlagzeuger, der Keyboarder, der zu keiner Zeit für ein Comeback bereit war, weil der „Zauber“ verloren gegangen ist. Endgültig.

 

Starke Portraits, die ihre Personen tief ausloten. Die sicherlich, einerseits, noch einmal und wieder die Stimmung einer Zeit im Ostend es Landes aufnehmen, die jahrzehntelang prägend war, die wieder einmal die „Kosten“ der Wiedervereinigung thematisieren durch die „Insolvenz“ nicht nur einer Wirtschaft, sondern eines Lebensstils.

 

Dier aber anderseits zeitlos und nicht an bestimmte Orte gebundene existenzielle Themen aufnehmen.

 

Diese fast innere Resignation im Alkohol. Die ständig enervierend übertriebene Egomanie und Hysterie der Sängerin („sah nicht schlecht aus, war aber um Jahre zu jung gekleidet“). Diese Machtkämpfe mit den versteckten Spitzen gegeneinander gegenüber dem fast soliden Leben (samt altersbedingten Rückenscherzen) anderer Teile der Band.

 

Es verdichtet sich im Lauf der Lektüre immer mehr, das ein „Ausbruch“ aus diesem „kleinen Leben“ nicht wirklich möglich ist, dass jeder und jede davon getrieben werden, ehemalige tiefe Erlebnisse der inneren Verbindung noch einmal zu erleben. Verbindungen, um die es letztlich geht, die das Eigentliche sind, was weder Nora in New York noch Voschi auf dem Kreuzfahrtschiff finden können.

 

Da aber, wo der eine nicht mehr glaubt, dass es das noch geben kann, finden die anderen alle 2-3 Jahre wieder zusammen, auch wenn nur 25 Zuhörer sich im Raum verlieren. Aber kann das noch zu finden sein, diese innere „Vereinigung“ mit sich und den anderen durch die Musik? Oder ist alles untergegangen im Kommerz, wie es Connys Geschichte im Versuch des Gesprächs mit einem Plattenproduzenten nahe legt?

 

Sprachlich dicht, mit melancholischem Unterton, viel „alter Atmosphäre“ des Ostteils Berlins, mit genau gezeichneten Figuren und einer hintergründigen Konzentration auf „das Eigentliche des Lebens“ (dem sich auch die „nächste Generation“ nicht verschließen können wird), eröffnet Osang eine Welt der inneren Verbundenheit durch Musik, der Kunstform der Liedtexte, des Scheiterns an sich selbst (mit der faltigen Haut des Alters auf dem Rücken und im Anblick der Fans, die nur noch einmal vom „Duft der eigenen Jugend“ musikalisch schnuppern wollen).

 

Ein ehrliches Buch mit melancholischen Untertönen und dem Glauben an die Kraft der Liebe, der Musik und des Lebens in immer widriger werden Umständen (auch inneren).

 


M.Lehmann-Pape 2015