Fischer 2010
Fischer 2010

Alexander Osang - Königstorkinder

 

Vereinigt?

 

Pünktlich zum 20. Jahrestag der Wiedervereinigung Deutschlands legt Alexander Osang in seinem Liebesroman der anderen Art eine Nachlese und zugleich einen Ausblick des Ankommens in dieser wiedervereinigten, deutschen Welt vor. Wobei das Thema Vereinigung und die Suche nach einer tragfähigen Basis für eine solche auf mehreren Ebenen sich durch das Buch zieht. Auch die Liebesgeschichte, die sich im Buch entfaltet, wird ein Bild für den Wunsch nach Vereinigung und die großen Schwierigkeiten, die das mit sich bringen kann.

 

Sein Protagonist, Andreas Herrmann, 40 Jahre alt, versucht seit 1989 umtriebig, Anfangs mit hohem Elan, vielen Erwartungen, noch mehr enttäuschten Hoffnungen und weiterhin auf der Suche, seinen Platz in dieser neuen Welt zu finden und zu sichern. Doch in 20 Jahren bisher erfolglos und auch die nahe Zukunft sieht ihm wenig rosig entgegen. Seine regelmäßige Anlaufadresse ist eine Ostberliner Beschäftigungsagentur, die sinnigerweise in direkter Nachbarschaft zum „Königstor“ liegt, ein speziell für ein wohlhabenderes Klientel errichtetes Wohngebiet.

 

Was zunächst wie eine zynische Randnotiz der Arbeitslosengeschichte wirkt, bei jedem Besuch der Agentur auf jene zu schauen, die es geschafft haben, entwickelt sich im Lauf der Geschichte zu einem ganz speziellen Glücksfall für Andreas Herrmann, zugleich dann aber auch wieder nicht. Denn Andreas fällt auf. Der erfolgreichen Ulrike Beerenstein, die mit ihrem ebenso erfolgreichen Mann eines der Häuser am Königstor bewohnt. Fast täglich beobachtet sie Andreas Herrmann im Vorbeigehen und eines Tages übernimmt sie die Initiative des Kennenlernens. Als ihr Mann dann auf einer Dienstreise ist, beginnt eine leidenschaftliche, zunächst aber völlig aussichtlos wirkende, Affäre.

 

All dies und noch mehr erzählt Andreas Herrmann einem Arzt, den er bei einem Vorstellungsgespräch für ein Experiment kennenlernt. Ganz allmählich aber ändert sich der Duktus seiner Geschichte und sein eigener Blick auf selbige. Aus einer Verlierergeschichte mit mancher Verbitterung entsteht Seite für Seite eine Liebesgeschichte mit all ihrer Intensität, aber auch über den Tag hinausreichenden Hoffnungen und Träumen. Das aus den beiden Königskinder wie im alten Lied aus Getrennten Gemeinsame werden.

 

Doch je mehr die Geschichte vornaschreitet, je mehr der untersuchende Arzt von Andreas Herrmann hört, desto unklarer wird, was Wahrheit und was Fiktion ist. Bei der Bewerbung und Untersuchung geht es um ein Langschlafprojekt zur Vorbereitung auf einen bemannten Raumflug zum Mars. Warum bewirbt sich der Mann eigentlich? Wie passt das mit seiner Liebe zu Ulrike zusammen? Oder ist dies alles nichts anderes als ein Roman im Roman?

Fragen, die sich letztlich noch nicht einmal im letzten Kapitel wirklich klären lassen.

 

Bis dahin aber nimmt Alexander Osang den Leser in bewährt geschliffener Sprache und flüssigem Stil mit auf eine Reise durch die letzten 20 Jahre einerseits, in die Innenwelt seines Protagonisten andererseits und zudem in eine Liebesgeschichte zweier getrennter Welten. All dies verwebt, vernetzt und vermischt sich im Buch zu einer dichten Atmosphäre von Lebenssuche, Sehnsucht und Hoffnungen, die trotz aller Enttäuschungen doch immer wieder eine neue Geschichte anzufangen bereit sind. So, dass wirklich jede gute Geschichte, die erzählt wird, im Leben anlandet und nicht nur auf den Seiten des Buches verbleibt.

 

Eine mitnehmende Geschichte vom Suchen, Finden und Verlieren, sprachlich versiert geschrieben, die mehr ist als ein Zeitvertreib, die durchaus im eigenen Leben Widerhall finden kann. Empfehlenswert.

 

M.Lehmann-Pape 2010