Arche 2013
Arche 2013

Amanda Coplin – Im Licht von Apfelbäumen

 

Innere Heimat

 

Um in diesem Buch von hinten anzufangen (ohne inhaltlich das Ende vorwegzunehmen): Es ist ein beeindruckendes Erleben, wie Amanda Coplin die „Lebensgeschichte“ ihrer Protagonisten emotional dicht auf den letzten 50 Seiten in ihrer ruhigen und ausführlichen Erzählweise, tief anrührend, aber ohne Romantisierung oder gar Kitsch, zu Ende erzählt.

 

Das Ende einer Geschichte, die in epischer Breite und existenzieller Tiefe Menschen unter schwierigen Umständen zueinander geführt und innere Bindungen gesetzt hat. Menschen, die trotz aller Distanzen, trotz aller „Beschädigungen“ im Inneren einiger der Protagonisten, reißfest im Buch miteinander verbunden werden.

 

Was echte, reine, wahre Liebe im Sinne einer „Wahlfamilie“ sein kann, wie sich dies „einfach so“ entfaltet und dem nicht entronnen werden kann, wie für dieses innere Band auch hohe Opferbereitschaft entsteht, das erzählt Amanda Coplin in ruhigem Tonfall anhand ganz besonderer Menschen inmitten eines einfachen Lebens Ende des 19. und zu Anfang des 20. Jahrhunderts im ländlichen Amerika.

 

Mit einer literarischen, bildkräftigen Sprache, die Menschen und Landschaft, inneres Zerreißen und den Kampf um Bindung und ein inneres „zu Hause“ lebendig vor den Augen des Lesers entstehen lassen.

 

„Sein Gesicht war narbig wie der Mond. Seine Ohren waren elefantös .... inzwischen waren sie nachgedunkelt wie der Rest seines der Sonne ausgesetzten Fleisches .... und körnig wie die Schale einer Frucht“.

 

William Talmadge heißt der Mann, dem zwei Mädchen, Kinder fast noch, „zulaufen“ werden. Einer, der von früh auf geprägt ist, bedächtig, ruhig und, vor allem, ohne ein Wort zuviel, seinen Weg solitär zu gehen.

 

„Das unterschied seine Mutter von ihnen. Wo manche Frauen sich nur mehr Privatsphäre wünschten, sehnte sie sich nach vollkommener, ans Grausame grenzender Einsamkeit“.

 

Soweit geht Talmadge nicht. Zu Clee, dem Cowboy, hat er seit Kindesbeinen an Kontakt. Ein ruhiger, ein „Männerkontakt“. Carolin Midley, heilkundige Nachbarin. Ein kurzer Affärenversuch vor Jahrzehnten, doch seitdem Freundin, Vertraute, eine, mit der man gemeinsam gut schweigen kann, eine, die anpackt (was wichtig werden wird).

 

Und ein Leid begleitet Talmadge ebenso seit langen Jahren. Nach dem Tod der Mutter lebte er mit seiner Schwester auf der Obstplantage. Nach einem Streit verschwand diese, was an Talmadge nagt und nagt. Ein Verschwinden, das noch weiterhin Bedeutung haben wird.

 

Nun aber durchbrechen die beiden fast wild wirkenden, innerlich zerrissenen, sehr vorsichtigen Mädchen den Trott der Jahrzehnte. Beide schwanger, beide kaum über das Kindesalter hinaus, beide auf der Flucht. Ohne viele Gedanken zu verschwenden, beginnt Talmadge sich zu kümmern. Wissend, dass ein Verbrechen hinter all dem stecken wird. Dem er sich stellt, dessen grausamen Folgen er, als bewaffnete Männer an seinem Haus auftauchen, aber nicht viel entgegenzusetzen hat (außer ein paar kümmerlichen Dollarscheinen, als das erste Drama bereits geschehen ist).

Wie sich innere Bindungen ergeben zu den Mädchen, wie deren Schwangerschaft endet, wie alle Protagonisten dem Leben mehr oder minder einfach ausgeliefert sind und kaum gegen sich selbst, gar nicht aber gegen den unerbittlichen Lauf der Dinge ankommen werden, wie innere Wunden auf Dauer nicht verheilen, sondern das weitere Leben bestimmen und wie dennoch, in all dem hin- und hergeworfen sein, eine Form untrennbarer Liebe gerade Talmadges Leben weiter begleiten und bestimmen wird, das ist wunderbar, ruhig und tief in diesem Roman zu lesen.

 

Ein Roman, der Spannungselemente ebenso hintergründig zu setzen und zu verankern weiß, wie er den Leser mit in das innere Erleben der schweigsamen Menschen im Buch zu nehmen versteht. Menschen, die in einem harten Leben gewohnt sind, zu tun, was ansteht, was wichtig ist, wofür man einzustehen hat. Bis hin zum Ende, das den Leser gefangen nimmt und noch lange nachwirkt.

 

M.Lehmann-Pape 2013