dtv 2011
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Amanda Hodgkinson – 22 Britannia Road

 

Gehaltvolles Debüt

 

In ihrem ersten Roman wendet sich Amanda Hodgkinson dem Thema einer inneren (wie äußern) Reise ins Ungewissen zu. Einer Geschichte von Neuanfang und der Suche nach einem Platz in der Welt in den ungewissen Zeiten kurz nach Ende des zweiten Weltkrieges. Zieten, in denen die junge Frau Silvana sich mit ihrem kleinen Sohn Aurek aus Polen aufmacht nach England, wo ihr Mann Janusz seit Jahren sich ein neues Leben aufzubauen versucht. Jahre auch der Trennung der Eheleute durch die Wirren des Krieges. Jahre, in denen die Geschichte der beiden jeweils für sich gelebt wurde. Und nicht alles, was Sylvana und Janusz in diesen Jahren erlebt und gelebt haben, ist dazu geeignet, es dem jeweils anderen mitzuteilen.

 

Auch wenn Janusz in England sich auch innerlich bereits ein stückweit niedergelassen hat, in Ipswich, an der 22 Britannia Road, in einem typisch englischen Backsteinhaus, auch wenn er sich mit Begeisterung „anglisiert“, auch für ihn wie für Silvana und Aurek beginnt mit der Ankunft der beiden in England durchaus ein Leben „in fremder Umgebung“. Für Silvana, weil England in seiner Lebensform ungeheuer weit entfernt von dem Leben ist, welches sie in Polen gelebt (und erlitten) hatte und weil in Polen Dinge geschehen sind, die ihre Spuren hinterlassen haben, die sie aber Janusz nicht mitteilen will (und kann, zunächst). Janusz, weil sein Leben nicht in all den Jahren der Trennung alleine verlaufen war, sondern eine Beziehung in ihm noch nachwirkt.

 

Eine Geschichte der kleinen Familie, die natürlich auch ihre Wurzeln hat. Die Vorgeschichte streut Amanda Hodgkinson immer wieder mit in ihre Erzählung ein. Vom Kennenlernen über die Desertation des Januz bis zur äußeren Trennung beider reicht der Bogen der Erinnerungen, innerhalb derer es Hodgkinson gelingt, ihre Protagonisten differenziert und in der Tiefe darzustellen und somit dem Leser nahe zu bringen. Personen, die in sich bereits verschieden sind, deren Verschiedenheit durch das zeitweise getrennte Leben in verschiedenen Welten noch deutlicher zum Vorschein gekommen ist. Eine Verschiedenheit, eine Orientierungslosigkeit auch aneinander, deren bindendes Glied das Kind Aurek sein kann und sein wird.

 

Die große Stärke des Buches (und der Autorin) ist es, dieser inneren Entwicklung unter schwierigen äußeren und inneren Umständen eine fassbare emotionale Tiefe zu verleihen. Mit großem Sprachschatz und immer wieder den Kampf zwischen Nähe und Distanz der beiden Erwachsenen im Buch zum Dreh- und Angelpunkt werden zu lassen, gelingt es Hodgkinson, den Leser immer wieder auf die „Kraft des Verbindenden“ zu verweisen. Auf diese kleine Flamme der Hoffnung, noch nicht einmal unbedingt in der konkreten Situation zueinander, sondern zum gemeinsamen Kind, die in aller „Zugluft“ der Ereignisse und der trennenden, verschwiegenen Geheimnisse, den auseinanderstrebenden Kräften in der Geschichte stand hält. Auf jene emotionale Spannung zwischen „eigentlich fremd sein“ und andererseits „zusammengehören wollen in der Sehnsucht nach einer Familie“, allein schon ob des Jungen willen.

 

Mi kraftvoller Bildsprache und ruhiger Stetigkeit entfaltet Hodgkinson so einen gemeinsamen Weg, der trotz des Willens, beieinander zu sein, vielfache Stolpersteine und Hindernisse kennt und dennoch gangbar sein kann. Wenn man nicht aufgibt. Ein Weg der Geschichte, der bereits auf den ersten Seiten angelegt ist, wenn deutlich wird: „Der Junge war der Grund für diese Reise. Ein Junge braucht seinen Vater“. Das Kind ist es, das als bindende Kraft der Liebe letztendlich den Eltern noch einmal und noch einmal neu die Chance eröffnen kann, zueinander zu finden. In der Gegenwart. Wenn beide beginnen, diese zu nutzen.

Aber das braucht Kraft, keine Frage. So, wie Silvan es sich dachte bei der Ankunft „dort würden bestimmt Tage ohne Gestern und ohne bedrohliche Erinnerungen“ auf sie warten, so einfach wird es nicht sein.

 

Ein kraftvolles, emotional dichtes Buch, in dem Amanda Hodgkinson mittels einer erstaunlichen Sprachkraft die Kräfte von Abstoßung und Anziehung hervorragend in ihren Protagonisten zu schildern weiß und ob ihrer sprachlich-bildhaften Möglichkeiten den Leser unmittelbar an dieser kleinen, tiefen und exemplarisch wichtigen Lebens- und Liebesgeschichte teilhaben lässt.

 

M.Lehmann-Pape 2011