Ullstein 2017
Ullstein 2017

Amor Towles – Ein Gentleman in Moskau

 

Bis in die Kleinigkeiten hinein hervorragend gestaltet und erzählt

 

Dass Graf Rostov nicht einfach ein „Stenz“ und einen leichtfertigen, reichen, aus altem Adel stammenden „Lebemann“ mit rein oberflächlicher Lebensführung ist, dafür spricht schon, dass er überhaupt vor Ort ist. Und dass in diesem Schreibtisch, den er in jeder Situation behält, von ihm vorgesorgt wurde für schwierige Eventualitäten.

 

Nach der Revolution in Russland aus Paris nach Hause geeilt, um die eigenen Angelegenheiten zu ordnen, das Heim zu sortieren und in Ordnung zu bringen und die paar der Seinen, die noch in Russland weilen, in Sicherheit bringen zu lassen.

 

Natürlich, Konversation betreiben ist sein Metier, natürlich, die Kleidung immer akkurat, die Umgangsformen perfekt. Aber auch mit einem anerzogenen, festen, klaren Wertesystem den Menschen gegenüber freundlich gesinnt und jeden höflich behandelnd, vom einfachen Angestellten des Hotels (das erste Haus am Platze, natürlich) bis hin zu einem seiner engsten Freunde, einem Mann von einfacher Geburt und nun einer derer, die dem neuen Sowjet- Regime aktiv angehört.

 

Dass er „lebenslange Verbannung“ als Urteil erhält (aufgrund einer Nichtigkeit eines alten Dichter-Versuchs seinerseits), dass der Ort seiner Verbannung eben jenes Hotel ist, in dem er logiert und dass sich dort die Verhältnisse für ihn deutlich ändern werden (statt seiner Suite wird ihm eine Dachkammer zugeteilt), all dies nimmt Rostov mit der ihm eigenen positiven Gesinnung. Und so belgeitet der Leser ihn über Jahrzehnte hinweg in diesem Hotel, in dieser „alten und souveränen Haltung“ in unruhigen Zeiten.

 

Und niemandem der Bediensteten des Hotels würde es auch nur entfernt einfallen, nur die „neue Macht des einfachen Mannes“ an Rostov zu demonstrieren.

 

Eine Persönlichkeit, die Towles ebenso sorgfältig und bis in die kleinsten Regungen hinein zu portraitieren versteht und damit überaus lebendig werden lässt, wie er die Zusammenkünfte der nun herrschenden „Komitees“ atmosphärisch bestens beleuchtet (mit diesem so unsinnig wirkenden Ringen um Formulierungen, bis auch jeder zufrieden mit Worten ist, die mehr Schall und Rauch denn klare Realität ausdrücken) und die alte Pracht des Hotels und der „oberen Gesellschaft“ wie nebenbei wunderbar in den Raum stellt.

 

Im Vordergrund aber steht, natürlich, die Entwicklung des Grafen. Der nicht umsonst die Essays Montaignes sich nun vornimmt (der ebenfalls, aber frei gewählt, ein „Exil von der Welt“ bezogen hat.

 

Durchbrochen von Träumen, Sehnsüchten nach klarer, kalter Winterluft auf den Boulevards Moskaus, die ihm dauerhaft verwahrt bleiben. Mit solch kleinen, schönen Szenen, wie er am Wintermantel einer Dame in der Garderobe schnuppert, um einen Hauch dieser Luft, Symbol, für persönliche Freiheit, noch ergattern will.

 

Und da ist dieses Kind Nina. Auf die er im Hotel trifft. Mit der er Konversation zunächst betreibt, wie gewohnt und feststellen muss, dass durch die Fragen und Antworten Ninas zum Leben an sich, er mehr und mehr selbst in der Tiefe gefordert wird.

 

„Aber hätte der Geist der zukünftigen Weihnacht den Grafen plötzlich geweckt und ihm einen Blick in die Zukunft erlaubt, hätte der Graf erkannt, dass sein Behagen verfrüht war“.

 

Denn die Härte der „neuen Welt“ zeigt sich, zunächst immer wieder erst am Rande des Blickfeldes. Was einen alten Bekannten, nun Geiger einer Tanzkapelle betrifft. Was eine am Horizont sich zusammenballende Gefahr für die kleine Nina beinhaltet. Was den Grafen dazu bringen wird, im Kleinen wie im Großen sich seiner selbst zu stellen und für andere einzutreten.

 

Das Ganze verpackt Towles in eine differenzierte, elegante Sprache von großem Wortschatz, die traumwandlerisch sicher je gesetzt die Geschichte durchweg bestens befördert. Eine Geschichte, in der Leser nicht nur intensiv die Atmosphäre der Zeit nach der Oktoberrevolution sehr persönlich „schnuppern“ kann, sondern in der auch zeitlose Wahrheiten von Gut und Böse, Optimismus und Misanthropie, der Anspruch an persönliche Entwicklung und Entfaltung gegenüber einem, die Freiheit bedrückenden Rahmen, bestens thematisiert und sehr flüssig und unterhaltsam in Worte fasst.

 

Eine klare Leseempfehlung.

 

 

M.Lehmann-Pape 2017