Hoffmann und CCampe 2010
Hoffmann und CCampe 2010

Amy Bloom – Wo der Gott der Liebe haust

 

Intensives Leben

 

Starke, intensive, tiefgehende, leidenschaftliche Gefühle sind es, die Amy Bloom in den Mittelpunkt dieses Erzählbandes setzt. Erzählungen aus mehreren Jahren, unterschiedlichen Schaffensperioden und damit auch unterschiedlichen persönlichen Entwicklungsmomenten der Autorin, die dennoch wie aus einem Guss wirken.

 

Geschichten, die normale Menschen in außergewöhnlichen Konstellationen zeigen. Eine Konstellation wie in der letzten der Geschichten, in der eine 28jährige Frau seit fast 10 Jahren mit einem nun 60jhrigen Mann ihr Leben gestaltet, dies zudem noch in den engen Grenzen einer Kleinstadt. Eine Beziehung, die ihrem Ende entgegen geht, nicht aufgrund von Beziehungsproblemen, sondern aufgrund der tödlichen Krankheit des Mannes. 10 Jahre, die ihre Spuren hinterlassen haben, 10 Jahre mit einem Mann, der selbst jetzt noch, im Angesicht des nahen Todes, höchsten Wert auf ihren nackten Körper und aufreizende Kleidung legt. Ein Genuss, den sie schon länger nicht mehr teilt. Zumindest nicht mehr mit ihm, mit dem ein oder anderen, der ihr begegnet, würde sie schon, zumindest ihre Fantasien galoppieren davon. Und doch endet die Geschichte in einer Art und Weise, die ihrem Titel „Auf immer treu“ ganz anders gerecht wird, als man denkt.

 

Genauso, wie diese letzte der Geschichten bietet auch die erste der Geschichten das, was Amy Bloom in ihrer sprachlichen Kraft ausmacht. Eine direkte, manchmal fast hart wirkende Sprache, Protagonisten, die trotz der klaren und zielgerichteten Sprache in sich bei weitem nicht gefestigt sind und die daher offen für jene überraschenden Wendungen sind, die Amy Bloom in jede der Geschichten einfließen lässt. Jene junge Frau, die ihrem Vater vordergründig nicht mit Liebe, sondern in tiefem Hass verbunden ist, seit sie eine Kind war, spielt sie in ihrer Fantasie mit dem Gedanken, ihn zu töten. Schon lange wartet sie auf die Nachricht von seinem Tod, denn natürlich hat sie ihre Fantasien nie in die Tat umgesetzt. Aber für ihre Mutter hofft sie, dass der Vater baldigst stirbt, damit die Mutter noch einige schöne Jahre für sich gestalten kann. Und doch endet auch diese Geschichte ganz anders. Nicht nur im Äußeren, dass es nicht der Vater sein wird, der zuerst stirbt, sondern auch im Inneren, dass der fast lebenslange Hass sich transformieren wird.

 

Amy Bloom legt das Innere ihrer Protagonisten offen, allerdings nicht in klinischer Sprache oder als psychologische Reflektion, sondern in ihren Beschreibungen, den kleinen Erlebnissen, die widerfahren, in teils hingeworfenen Sätzen, zwischen den Zeilen. Zudem gibt sie keine fertigen, gefestigten Antworten, das Erlebte, ausgedrückte verbleibt wie Momentaufnahmen auch am Ende der jeweiligen Erzählung immer ein stückweit offen im Raume stehen. Der Leser selbst wird durch diesen Stil beteiligt, muss Stellung beziehen und sich den offenen Entwicklungen und unerwarteten Wendungen in und um die Personen herum aussetzen. Immer aber trifft Bloom den Kern dessen, was den Personen ihrer Geschichten geschieht und dabei nimmt sie sprachlich kein Blatt vor den Mund.

 

Intensive, dichte Erzählungen bietet das Buch, in denen die innere Suche, Trauer, Liebe oder Hass den Weg der Figuren bestimmen und nachvollziehbar machen, ohne eine abschließende Wertung vorzunehmen. Empfehlenswert.

 

M.Lehmann-Pape 2010