Goldmann 2014
Goldmann 2014

Amy Tan – Das Kurtisanenhaus

 

Solide Unterhaltung

 

„… und Zauberkürbis beklagte sich, dass ich es schon wieder nicht unter die Zehn Schönsten von Shanghai geschafft hatte“.

Eine Ehre, die wichtig wäre. Nicht für Violet unbedingt, aber für „das Haus“, in dem Sie als Kurtisane arbeitet.

 

Ein Violet übrigens sehr bekannte Umgebung, denn als Tochter einer Amerikanerin und eines Chinesen ist sie in einem solchen Haus aufgewachsen. Ein Haus, das ihre  Mutter geführt hat.

 

Dass sie nun immer noch oder wieder und selbst als Kurtisane in Shanghai lebt, das allerdings war so nicht geplant. Ihre Mutter wollte mit ihr nach Amerika zurück, 14 Jahre alt war Violet zu jener Zeit. Und nicht freiwillig wurde sie von ihrer Mutter getrennt. Im Hintergrund finden sich Intrigen und Interessen, denen Violet zum Opfer gefallen ist.

 

Durchaus breit (in manchen Teilen zu breit und mit zu viel „Schicksal“) schildert Tan die Atmosphäre, das Leben als Kurtisane im ersten Teil des Buches und lässt den Leser detailliert teilhaben an der Ausbildung der jungen Frau zu einer „Liebesdienerin“ der besonderen Art. Einer Ausbildung, der sich die verzweifelte Violet nach anfänglichem Widerstreben mit einer gewissen Hoffnungslosigkeit hingibt. Flucht scheint nicht möglich, ihre Mutter hält sie für tot, so ergibt sie sich ihrem Schicksal. Zunächst.

 

Und wie wird es gut machen. Eine erfolgreiche Kurtisane werden, bis sie Edward kennenlernt, von diesem ein Kind, eine Tochter bekommt. Wiederum ein Glück, das nicht auf Dauer zu währen scheint, ein grausames Schicksal scheint es, dass Violet wiederum alles nimmt und sie sich erneut als Kurtisane verdingt, immer auf der Suche nach Geborgenheit und Liebe, auf der sie mehr Tiefen als Höhen erlebt.

 

Aber das ist nicht der Geschichte Ende (was der Leser von Beginn an ahnt und im fast „klassischen“ Aufbau dieses Frauenromans durchaus im Lauf der Lektüre bereits vorwegnehmen kann).

 

Die Vergangenheit wird noch einmal in den Mittelpunkt treten, überfällige Beziehungen sich klären, neue Horizonte sich eröffnen und eine gute, versöhnliche Richtung sich zeigen. Ob Violet diesmal eine echte Chance bekommt und diese auch zu nutzen versteht?

 

Im Mittelpunkt des Romans steht, verbunden und aufgehängt am Ergehen der Hauptfigur, ein durchaus kundiger Einblick in die Welt der Kurtisanen, in die strikten und starren Regeln der chinesischen Gesellschaft. Die gehorsame Unterordnung in dieser Gesellschaft und in den Familien wird fühlbar transportiert und gibt diesem flüssig, wenn auch manches Mal zu kleinteilig zu lesenden Roman den Hauch Exotik, der den Leser durchaus mit Interesse zu Ende lesen lässt.

 

 

Wenn auch mit erkennbaren Längen, indem Amy Tan gut bekannte klassische Muster benutzt (eine junge Frau, Irrungen und Wirrungen, Schicksalsschläge, verlorene Liebe und exotisches Ambiente) setzt sie mit ihrem besonderen Blick für die (dem Westen immer noch ein stückweit fremde) Welt der Kurtisanen solide Unterhaltung in den Raum und stellt eine starke Frauenfigur einer früheren Generation in den Mittelpunkt ihrer Erzählung.

 

M.Lehmann-Pape 2014