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Andre Aciman – Ruf mich bei Deinem Namen

 

Ein-Sommer-Liebe

 

Die italienische Riviera im Sommer ist Schauplatz dieses wunderbaren, großen, ganz eigenen Liebesromans von Andre Aciman.

 

Inmitten des mediterranen Lebens bei wunderbarem Sonnenschein und den vielfältigen Möglichkeiten des Genusses bei Tage und bei Nacht treffen sich Oliver und Elios. Oliver ist für einige Wochen Gast im Haus der Familie, zunächst noch mit seinem Buchprojekt beschäftigt, löst er sich mehr und mehr hinein in den gemächlichen und dennoch intensiven Lebensrhythmus des Ortes und der Familie.

Selbstischer und klug bemerkt er dennoch nicht, welche Gefühle er in Elios, dem 17jährigen Sohn der Familie, auslöst. Leidenschaft, Liebe, Begehren, Oliver behält zunächst die Kontrolle über die entstehenden Gefühle, bestimmt die Treffen, spielt mit Distanz und Nähe und  wird dennoch mehr und mehr mit hinein gezogen in seine Gefühle und die Leidenschaft der Liebe. Erst recht, als er entdeckt, dass all die Blicke und Gesten Eios ihm galten und gelten.

Zwei Liebende tanzen den Tanz der ersten Liebe auf schmalem Grat  und loten auf diesem Wege alle Gefühlsberührungen und –Verwirrungen aus, die wohl jedem ersten Liebeserwachen inne wohnen und zudem einen Einblick in die Welt der homoerotischen Liebe ermöglichen, der in dieser Form mitreißend ist.

 

Auf dem Hintergrund  des allein schon mitreißenden, wunderbaren, verzauberten Ortes in Italien schreibt Andre Aciman seine Geschichte einer intensiven Liebesentfaltung. Eine Geschichte von Nähe und Distanz, Unsicherheit der ersten,  erschwert durch die homoerotische Ausrichtung, Liebe gegenüber.

Verführung und Zurückweisung, die Toleranz der Familie und der Reigen der Anspielungen, Annäherungen, fast blind leidenschaftlichen Hingabe einerseits und der Zurückhaltung, aber auch der Wucht der Gefühle andererseits.

 

Hierbei bedient sich Aciman mittels seiner wunderbaren einerseits leichten, assoziativen und andererseits breiten, bilderreichen, poetisch schildernden Sprache, immer aber emotional auf den Punkt treffenden, der gesamten Breite des emotionalen Spektrums der Liebe. Schon die Schilderung der ersten Begegnung von Oliver und Elios vibriert fast aus den Seiten des Buches hinaus, gerade aufgrund der scheinbaren Unerreichbarkeiten des Objektes der Begierde, Oliver, für Elios..

 

Weit über das Maß einer romantischen Verklärung hinausgehend lotet er selbst die leisesten Gefühlsrührungen aus und zieht den Leser mitten hinein in alle Facetten der Wucht nicht nur dieser Liebe zwischen Elios und Oliver. Eigenste Erinnerungen werden wach an die Zeiten der Entfaltung erster Leidenschaft.

 

In dieser universalen Tiefe seiner Darstellung wird die homoerotische Ebene des Romans über die Zuordnung auf die beiden Protagonisten und ihre geschlechtliche Zugehörigkeit erhoben. So lässt es Aciman seine Protagonisten selber aussprechen „Wir hörten auf, zwei Männer zu sein, waren nur noch zwei Menschen“.

Diese tiefe Menschlichkeit von Leidenschaft und Liebe ist das eigentliche Thema des Romans.

Die anderen beteiligten Personen sind dabei beileibe keine Staffage, Toleranz und Vergegenwärtigung werden ebenso differenziert in diese Personen von Aciman hineingelegt und liebevoll gestaltet, wie er seine Hauptpersonen einzigartig sich entfalten lässt.

Was Thomas Mann immer nur andeutete, lässt Aciman in wunderbarer Sprache lebendig und mit erlebbar in den Raum treten.

Meisterlich.

 

M.Lehmann-Pape 2010