dtv 2011
dtv 2011

Andrea Bajani – Lorenzos Reise

 

Die fremde Mutter

 

„Ich weiß eine Menge über dich ...... irgendwo muss ich auch noch ein Foto von Dir haben“.

 

Mit diesen Worten wird Lorenzo in Bukarest begrüßt von Anselmi und voller Stolz ein wenig herumgeführt, begleitend vom zweiten Satz Anselmis (womit die beiden Wichtigkeiten des Mannes auch ausgeschöpft sind): „Wir haben nämlich den Leuten hier das Mittelalter aus den Köpfen getrieben“.

 

In diesen beiden Sätzen aus der Eröffnung des Buches legt sich das Thema Bajanis vor die Augen des Lesers. Lorenzo ist in Bukarest, weil seine Mutter gestorben ist. Ein an sich trauriger Anlass, der Lorenzo zunächst allerdings wenig berührt. Zu fremd ist ihm die Mutter Lula geworden, zu distanziert das Verhältnis. Das übrigens lag und liegt nicht an ihm, denn seine Mutter war es, die ihn aufgrund der Suche nach Gewinn, Profit und Geld vor Jahren bereits in Italien „zurückgelassen“ hatte.

 

Damals machte Lula sich mit ihrem Geliebten (nicht der Vater Lorenzos, der durfte weiter in Italien bleiben und sich um den gemeinsamen Sohn kümmern) im Zuge der fallenden Grenzen nach Rumänien auf, um in diesem Billiglohnland (mit eben fast „mittelalterlichen“ Zuständen) mit ihrer Geschäftsidee das große Geld zu machen.

 

Nur spärlich konnte Lorenzo seitdem am Leben der Mutter teilnehmen, mit allen Folgen der Trauer, der Sehnsucht, des Gefühls, verstoßen zu sein. Mehr und mehr brach der Kontakt ab, so, als würde die Mutter kaum mehr in der Lage sein, eine innige Beziehung zu ihrem Sohn zu empfinden. Doch nun erfährt Lorenzo, trotz all der großspurigen Worte Anselmis, dass sich das Zeil der Mutter vom großen Glück und schnellem Geld nicht erfüllt hat. Und dennoch kehrte sie nicht in die Heimat und, vor allem, nicht zu ihm zurück. Warum?

 

Dieser Frage geht Lorenzo nach, rollt das Leben Lulas in Rumänien auf, nähert sich den Wünschen, Zielen, dem Scheitern, der Mutter und ihrer dennoch bleibenden Verbundenheit zur neuen Heimat, die sie letztlich die Beziehung zu ihrem Kind gekostet hat. Ein leichter Preis für Lula? Man wird sehen.

 

Stilistisch lässt Bajani seinen Protagonisten Lorenzo mehr und mehr in direktem Kontakt mit seiner Mutter treten. Ein lebendiger Dialog entfaltet sich an diesen Stellen des Buches (obwohl faktisch nur ein Monolog ja stattfindet), eine Suche und eine Annäherung, die auch die Umstände der Trennung damals mit in den Blick rücken werden. Zudem wird, gerade am Verhalten, an der Person Anselmis beispielhaft deutlich, dass die vielbeschworene „Goldgräberstimmung“ jener Jahre eher als „Raubrittertum“ zu verstehen war und, im Buch zumindest, in weiten Teilen als „gescheitertes Raubrittertum“, was bei den Rumänen (hier in Person von Christian, einem Mitarbeiter Anselmis) nichts als Zorn hervorgerufen hatte.

 

Bajani versteht es durchaus, eine emotionale Dichte gerade im Blick auf das Mutter-Sohn Verhältnis herzustellen, erzeugt andererseits aber wenig innere Spannung, trotz mancher Andeutungen und Versuche, eine solche herzustellen. Das „Geheimnis“ des Bleibens der Mutter in Rumänien trotz der nicht Erfüllung ihrer Ziele vermag auf Dauer nicht zu fesseln. So verbleibt ein Buch mit  klarer Sprache, hier und da leichter Langeweile, aber auch emotionaler Nähe vor allem zu Lorenzo und einem interessanten Einblick in den puren Kapitalismus von den 90er Jahren an, der bis heute noch lange kein Ende gefunden hat. Insgesamt ein guter und interessanter Vertreter der neuen italienischen Literatur.

 

M.Lehmann-Pape 2011

Andrea Bajani ,

 

1975 in Rom geboren, lebt in Turin. Nach dem großen Erfolg seines Romans ›Mit herzlichen Grüßen‹ ( dtv 24793) beschließt er 2005, sich ganz dem Schreiben zu widmen. 2011 erhielt er den renommierten Premio Bagutta.

 

(Quelle: dtv)