Piper 2012
Piper 2012

Andrea Molesini – zu lieben und zu sterben

 

Vom Kinderbuch zum großen Roman

 

„Zu lieben und zu sterben“ ist ein Debüt, ohne ein Debüt zu sein. Ein Debüt im Bereich des Romans, das ja. Aber Andrea Molesini hat im Bereich des Kinderbuchs durchaus bereits eine beachtliche literarische Geschichte aufzuweisen.

 

Nun aber wertet Molesini das Tagebuch einer seiner Großtanten aus und bietet einen historischen, sprachlich ausgereiften und bildkräftig gestalteten Roman, der sich den Jahren 1917 und 1918 zuwendet und diese Zeit des Krieges, der Besetzung, der Dramatik, des Hungers und vielem mehr. In einem wunderbaren Sprachrhythmus versteht es der Professor der italienischen Literatur in Padua, gerade das „menschlich zwischenmenschliche“ jener aus der Zeit gehobenen Situation genau zu beschreiben.

Eine Entwicklung vom „Menschlichem“ zum „Unmenschlichen“, genauer gesagt.

 

Da, wo aus dem Zusammentreffen zusammen gewürfelter Menschen, Besetzten und Besatzern, Zivilisten und Militärs, zunächst tatsächlich Menschen aufeinandertreffen, die humane Umgangsformen in sich tragen, die durchaus mit Stil das Menschliche voran stellen und aus der Situation dann versuchen, das Beste zu machen, nur um dann zu zeigen, wie die eigenen Gesetzlichkeiten des Krieges Schritt für Schritt voneinander trennen, vordergründig grausame Notwendigkeiten die Regie übernehmen.

 

Militärische Besatzer zum einen, welche die  italienische Villa der Familie Spada requirieren, den Bewohnern, allen voran Paolo und seinem Großvater, durchaus mit respektvoller Höflichkeit begegnen, dann aber der Verdacht in den Raum tritt, ein feindlicher Offizier würde in der Villa versteckt. Und nun zeigt Molesini in unnachgiebigem Sprachfluss aus, wie der Krieg die Menschen und die Beziehungen verändert, wie der Hunger die Sinne umnebeln wird, wie man eben in solchen Situationen lernen muss, „zu lieben und zu sterben“. Denn der Schutz des englischen Offiziers, aber auch viele andere kleinere und größere Zusammenstöße werden dazu führen, dass gemordet wird. Und Mord mit Vergeltung bestraft werden wird. Da, wo mehr und mehr die Tünche der Zivilisation bricht.

 

Wirren, in denen Paolo Spada, seinen Weg suchen muss, seine erste Liebe erlebt und oft und oft die eigene Ohnmacht spürt angesichts dieses großen Getriebes von Gewalt und Gegengewalt. Und auch er wird nach dieser Zeit Blut an den Händen haben.

 

Eine Zäsur im Übrigen nicht nur des Krieges , sondern durch diesen Krieg auch der gesellschaftlichen, traditionellen Ordnung, die Molesini spürbar zunehmend und feinfühlig in den Beziehungen der besetzten Italiener sich entwickeln lässt, mithin die Anfänge des Untergangs der gesellschaftlichen Vormacht und des Standes der Aristokratie jener Zeit.

 

So dass tatsächlich, wie Molesini es schreibt, nicht nur eine kriegerische Auseinandersetzung stattfindet, sondern eine ganze „Kultur“ sich auflöst, quasi „vernichtet“ wird. Die Vergewaltigungsszenen im Buch sprechen eine beredte Sprache drüber, wie dünn die Patina zivilisierten Verhaltens ist und wie nah an der Oberfläche die menschliche Urzeit-Gewalt fast nur darauf wartet, freigesetzt zu werden.

In einer Zeit, in der es nur der einfachen Köchin gelingt, aus „Mäusen Kaninchen“ und aus „Baumrinde eine warme Suppe“ zu machen. Und nicht der Creme der Gesellschaft es gelingt, die Abläufe zivilisiert zu halten. Am Ende eben „unterliegt die Menschlichkeit der Pflichterfüllung“, auf allen Seiten und untereinander.

 

„zu lieben und zu sterben“ ist ein gewichtiges Anti-Kriegs Buch, in dem Andrea Moselini stringent und klar in der Sprache anhand der äußeren Ereignisse vor allem die inneren Entwicklungen und Folgen der „Feindschaft“ und des „Krieges“ anhand seiner Protagonisten in all diesem äußeren Grauen aufzeigt. Ein aufwühlendes und mitnehmendes Buch.

 

M.Lehmann-Pape 2012