Blanvalet 2014
Blanvalet 2014

Andrea Schacht – Triumph des Himmels

 

Überzeugendes Flair mit überzeugenden Figuren

 

„Sechzig Pferdestärken, acht Zylinder, vier Liter Hubraum, Allradantrieb. Man sah es ihm nicht an, dem Horch 10“. Unscheinbar kommt er daher, ein Wolf im Schafspelz, der Wagen. Und bildet die wohl letzte Hoffnung für Otto von Braunlage. Der hart durchgegriffen hatte, im Krieg. Der seine Contenance verlor. Der den Halt verlor nach diesem Krieg und ihn auch in der vereinbarten Ehe nicht unbedingt wiedergefunden hat.

 

Aber jetzt hat er wieder eine Aufgabe. Verdeckt. Spielt wieder eine Rolle bei einem möglichen Neuaufbau der Reichswehr. Und dieser Horch 10 könnte ebenfalls dazugehören. Wenn beide, Mann und Wagen, sich bewähren bei dieser Rally. Dann wäre von Braunlage seiner Sorgen ledig. Und er ist bereit, dafür alles zu tun. Vor allem gegen mögliche Konkurrenten.

 

Doch er ist ja nicht der einzige, der bei der anstehenden Wettfahrt von Paris nach Berlin nach dem Sieg zu greifen gedenkt. Auch andere mit ihren ebenso schnellen Wagen (die „Tin Lizzy“ z.B.) haben ganz eigene Motive und Lagen, um den Sieg mit vielen Mitteln zu kämpfen.

 

In einer Zeit, 1925, die in Bewegung war, die unter den Folgen des ersten Weltkrieges ächzte, in der aber „unter der Decke“ sich neue und alte Interessensgruppen wieder in Stellung brachten.

 

Eine Atmosphäre, die Andrea Schacht als „Begleiterscheinung“ des technischen Ereignisses der Wettfahrt und in den vielfachen Querverbindungen und Beziehungen ihrer Figuren erkennbar und überzeugend realistisch mitschwingen lässt. Rund um ihre eigentliche Hauptfigur (und Ich-Erzählerin) herum, eine Reporterin, die in dieser „Männerdomäne“ Technik und dem Ereignis der Rally ihre Chance sieht, sich einen Namen zu machen. Und die mit einem der Männer eine besondere Geschichte verbindet. Und neu verbinden wird, wie der Gang der Dinge im Laufe des Ereignisses aufzeigen wird.

 

Die Mitte der zwanziger Jahre ist einer von manchen Wendepunkten jener Zeit. Freies Leben, Lust am Leben, Nachtleben, beginnende Emanzipation, zumindest die Chance für Frauen (gegen Widerstand natürlich) eine „starke Frau“ sein zu können, das ist die eine Seite dieser Zeit. Das Widerfinden der nationalen Identität, die Verarbeitung des durcheinander gewürfelten Europas nach dem ersten Weltkrieg ist ein zweites, die wirtschaftliche Instabilität und die beginnende Durchlässigkeit gesellschaftlicher Einengungen ein drittes Moment, dass die Atmosphäre jener Zeit bestimmt.

 

Momente, die Schacht gelungen aufnimmt, zu einem unterhaltsamen Bild zusammenfügt und  im Rahmen dessen für den Leser die besondere Stimmung der Zeit samt ihrer zunehmenden Technikbegeisterung fühlbar gestaltet. Wobei dies durchgehend an den Personen des Romans mit festgemacht wird. Die zwar ein stückweit auch stereotyp gezeichnet sind und wenig in ihren Haltungen überraschen, dennoch aber interessante Pole auch der Zeit in sich tragen und für den Leser spannend sich in Freund und Feind aufteilen werden.

 

Durch Rückblenden wird die Geschichte so mancher der Protagonisten und ihre Verbindung deutlich werden, durch den ein oder anderen Perspektivwechsel bleibt Leser mit einem gewissen Vorsprung vor den Figuren versehen und kann der spannenden weiteren Entwicklung mitsamt ihren auch drohenden Gefahren mit Spannung folgen.

 

 

Alles in allem ein sehr unterhaltsamer und die Atmosphäre der damaligen Zeit nachvollziehbar darstellender Roman mit ebenso interessantem „Personal“.

 

M.Lehmann-Pape 2014