S.Fischer 2014
S.Fischer 2014

Andrew Sean Greer – Ein unmögliches Leben

 

Wie sehr die Zeiten das Leben beeinflussen

 

So richtig geht es nicht weiter zur Zeit, im Jahre 1985, irgendwo an einer stillen Ecke in New York, an der die Zeit stehen geblieben zu sein scheint.

 

Ihr geliebter Bruder, ihre zweite Hälfte vom ersten Schrei an, ihr Zwillingsbruder stirbt an „der Seuche“. Es ist die Hochzeit von Aids und Felix ist einer der nicht Wenigen, der daran zu Grunde geht.

 

Lange Zeit hat ihr Lebensgefährte Nathan daher zurückgesteckt, hat Verständnis gehabt. „Wir machen das so, wie Du meinst“. Nur, dass Nathan plötzlich eine Geliebte hat. Nur, dass Nathan, trotz des Versuches, ganz an Gretas Seite zu bleiben, sie dann doch verlässt.

 

Durch ihre resolute Tante Ruth rafft sich Greta in all dem Schmerz und der Depression auf zu einer Elektrotherapie. Mit ungeahnten Folgen. Denn nach jeder Behandlung wacht sie zwar in ihrem eigenen Körper, aber in je einer anderen Zeit auf.

 

1918 zu Zeiten des ersten Weltkrieges und 1941 zu Zeiten des zweiten Weltkrieges. Zeiten mit ganz eigener Sprache, mit ganz eigenem Verhaltenskodex. Zeiten, in denen sie durchaus die Ihren immer wieder antrifft, aber in doch anderen Konstellationen.

 

Ihr Bruder nicht mehr offen homosexuell, in mancher Zeit gar verheiratet und Vater. Ihr Nathan 1941 treusorgender Ehemann und Vater. Ihr Ehemann und Vater ihres gemeinsamen Kindes.

 

So erhält Greta zunächst eine Chance, wie sie es sieht. Tod und Schmerz und Trennung als „nicht geschehen“ leben zu dürfen. In andren Zeiten andere Lebensmöglichkeiten, Lebensformen für sich erproben zu können. Und wird doch bald feststellen, dass das alles nicht unbedingt in der Substanz etwas ändert, wohl aber in der Frage, wie ein Leben sich ausrichten wird und kann.

 

Sie, die so zerflossen ist vor Schmerz um den, der sie verlassen hat, beginnt im Jahre 1918 durchaus selbst eine Affäre. Ergibt sich eben so, könnte man sagen. Und findet sich im Jahre 1941 in einer fast klassischen Ehekonstellation wieder, die ganz andere Entwicklungen fordert und fördert.

 

Aber was wäre denn die „echte“ Greta? Was wäre ihr persönliches Glück? Oder ist sie alle diese Personen, die sich eben nicht „Gleich-Zeitig“ miteinander vertragen würden.

 

Sehr gelungen stellt Greer die Atmosphären, die Lebensformen jeder der Zeiten dem Leser vor Augen, die gesellschaftliche Enge auf der einen „Zeit-Seite“ mit ihren Einschränkungen, die große „Weite“ der anderen Zeit mit ihren Problemen der Orientierung und der Findung zu sich selbst. Der Druck auf Homosexuelle und auf Frauen in vergangenen Zeitmustern, aber auch der Verlust durch eine klare, vertraute und „geregelte“ Welt.

 

Das alles liest sich durchaus interessant und bietet einen sehr reflektierten Blick auf Entwicklungen, nicht nur der Gretas. Andererseits ist das Buch keine einfach zu lesende Lektüre. Gerade die vielen Reflexionen, Dialoge, aber auch die spontanen Wendungen, die Greta nimmt, machen es dem Leser  nicht einfach, dem roten Faden immer zu folgen und den Personen wirklich nahe zu kommen.

 

 

Alles in allem ein interessantes Gedankenexperiment, dass den Leser in breiter Sprache und ebenso breiter, wenn auch nicht immer stringenter,  Darstellung in andere Zeiten mit hineinversetzt, sichtbar macht, wie sehr äußere Bedingungen auch das innere Leben prägen und im Leser selbst dieses „was wäre wenn  ….  man ganz anders könnte“ zum Schwingen bringt.

 

M.Lehmann-Pape 2014