S.Fischer 2014
S.Fischer 2014

Anna Flunder – Alles, was ich bin

 

Hervorragender biographischer Roman

 

Fast spielerisch und  in bester Form gelingt es Anna Fluder mittels ihrer ausgeprägten, treffenden, die Personen in der Tiefe auslotenden Sprache, den Leser in die Zeit Ende der 20er Jahre und bis über die Mitte der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts hinaus zu entführen.

 

Eine Zeit, in der sich drohende Wolken breit machen, die Politik der Republik eher wankt als stringent ihren neuen Weg zu finden. Eine Zeit der Reibung zwischen überzeugten Pazifisten aus der Erfahrung des ersten Weltkrieges heraus und der Revanchisten, der unverbesserlichen  Militaristen, die sich 1933 in klarer Form durchsetzen werden und damit den Anfangspunkt einer breiten und gnadenlosen Verfolgung Andersdenkender in den Raum setzen.

 

Anhand verschiedener Personen, vor allem der Sozialdemokratin Ruth und des Schriftstellers und freiheitlich denkendem Pazifisten Ernst Toller, vermittelt Flunder in ständigen Perspektivwechseln die Strömungen der Zeit und die verschiedenen Aufbrüche, die politische „Zeitenwende“ und die menschlichen Dramen, literarisch präzise fassbar.

Ebenso erlebt der Leser die Atmosphäre, die Verwirrungen, die Ziele und Ideale der Zeit hautnah mit. Wird hineingezogen in diese entscheidenden Entwicklungen, die mit der „Vernichtung“ auch der Freiheit zunächst endeten.

 

Eine Zeit des Kampfes im Untergrund, der sich u.a. Dora Fabian, Mathilde Wurm und deren Freund und Mitstreiter Ernst Toller aus dem Exil in London heraus verschrieben haben.

 

Eine Zeit und ein Kampf, der dem Leser sowohl in seinem (vorläufigen) harten Ende als auch in seiner Durchführung als auch in seiner Entwicklung aus den Jahren zuvor über die Machtergreifung 1933 bis hin zum Jahr 1935 hoch lebendig vor Augen geführt wird, in der die Verbindungen der vielen Personen, die Frage nach möglichem Vertrauen, aber eben auch zerstörtem Vertrauen (auch, wo man es nie für möglich gehalten hätte), eine ebenso wichtige Rolle spielt, wie das „Nacherleben“ der politischen Agitation, der Einschüchterung, des rücksichtslosen und brutalen Griffes nach der Macht.

 

Und ebenso gelingt das Nacherzählen im Roman und Nacherleben des Lesers im Blick auf die tiefen Motivationen der handelnden Figuren, vor allem im Blick auf den gewachsenen, begründeten Pazifismus und die Bereitschaft, für die eigenen, inneren Überzeugungen, für die eigene Freiheit, für die einem verbundenen Menschen, tatsächlich auch zu kämpfen. Mit den je eigenen Mitteln, ohne sich von der allseits drohenden Gefahr davon abhalten zu lassen.

 

Mit Personen, die gerade auch in ihrer treffenden, intim-menschlichen Darstellung ganz alltäglich naherücken:

„Wirklich sehr eigen. Er wischt seinen Penis nach dem Sex ab, von der Wurzel bis zur Spitze“.

„Man kann nicht wahnsinnig verliebt in einen Mann sein, wenn man das von ihm sagt, oder“?

 

Oder vielleicht gerade dann?

Vor allem, wenn gilt:

„Er ist jetzt ein einsamer Wolf. Wie ich“.

 

Einsame Wölfe in vielfacher Hinsicht, eine Charakterisierung, die auf viele der Personen im Roman letztendlich zutrifft in dieser Zeit, die spaltete und in die Einsamkeit des Misstrauens gerade die „Gegner der Macht“ führt.

 

„Dort warteten sie auf mich. Zwei Gestapo-Agenten und eine Frau, um die Leibesvisitation vorzunehmen“. Eine Gestapo, die zu jener Zeit noch fast unbehelligt in ganz Europa ihre „Greifer“ auf Suche schicken und ihre Fäden ziehen konnte.

 

 

Ein berührender, intensiver und auch sehr informativer Roman, der die Zeit der Machtergreifung, Machtsicherung und der Verfolgung jener, welche die Macht gefährden könnten, lebendig vor Augen führt.

 

M.Lehmann-Pape 2014