DVA 2011
DVA 2011

Anne Enright – Anatomie einer Affäre

 

Mit hohem Preis für alle Beteiligten

 

Kein Donnerhall lässt zunächst zwischen Gina und Sean erkennen, wohin ihr kurzes Kennenlernen einmal führen wird. Führen wird in dieser ganz normalen, bürgerlichen, irischen Welt der Geschwisterbesuche, der Familie, der Ehen mit Kindern, der Karrieren, die gerade gemacht werden. Und doch wird sich, Jahre später, aus dieser ersten Begegnung, eine intensive Leidenschaft entwickeln. Dass Ginas Mann Connor dort bereits innere Geschichte ist und Seans Frau Aileen, nun, die stellte nie eine wirkliche Gefahr in Form einer echten Persönlichkeit dar, zumindest nicht in Ginas Augen.

 

Denn das ist durchaus eine der Auffälligkeiten an der Hauptperson des Romans, die als Ich-Erzählerin die Geschichte durch ihre Augen erzählt. Genau und ständig bewertend betrachtet sie ihre Mitmenschen, ihre Geschwister, die Nachkömmlinge, die Angeheirateten. Ein von Beginn an unterschwelliger Zug, fast unangenehm zu nennen, offenbart dieser ständige Fluss der Gedanken über die anderen doch eine tiefe Egozentrik, ein solch reines auf sich Bezogen sein, welches späterhin auch den ein oder anderen leidenschaftlichen Kuss im Hause des Mannes Sean einschließt. Vor den Augen dessen Tochter Evie und während Aileen, Seans Frau, im Erdgeschoß des Hauses zu Gange ist.

 

Eine Egozentrik, die sich schon auf den ersten Seiten andeutet, in denen Gina von ihrer Ehe mit Connor erzählt. Leidenschaftlich ebenso, Sex in allen Varianten, bis, ja bis eben dort ein wenig der Alltag einkehrt, das „Besondere“ nachlässt und, am Ende der Strecke, Connor fast als eine persona non grata, als einen „Irrtum“ erscheinen lässt. So einfach macht es sich jene Gina manchmal. Rein nach dem gerade vorherrschenden Gefühl sich auszurichten.

 

Eine Unfertigkeit und Unberechenbarkeit, die einfach nur ihre Wege geht und sich nicht von „vernünftigen“ Gedanken abhalten lässt, all dies geradezu mit Gewalt ausklammert und an den (Bett-) Rand schiebt. Dinge, um die Gina übrigens sehr genau weiß, die ihr eine Distanz zum Geschehen, aber auch zu sich selbst ermöglichen, die ihr zeigen, dass hier nichts ganz anders, ganz neues passiert, aber eben ihr passiert.

 

Das dies schwierig werden wird, davon kündet Anne Enright in ihrem sprachlich ganz hervorragend vorliegenden Roman, in dem sie nicht nur die „Anatomie einer Affäre“ vor Augen führt, sondern bis ins Kleinste hinein auch alle beteiligten Personen „seziert“. Mal lapidar, nur durch Nebensätze oder das Einfangen von Stimmungen, mal ausführlich und gründlich rückt sie die Persönlichkeiten vor die Augen des Lesers.

 

Vor allem aber zeigt Anne Enright in ihrer eigentlich doch alltäglichen Geschichte existentielle Tiefen des Lebens auf. Dies vollzieht sich vor allem in der Darstellung und der Entwicklung der Beziehung Seans zu seiner Tochter Evie und in der parallelen Aufarbeitung der Beziehung zu ihrer eigenen Mutter durch Gina. Seite für Seite wird klarer, dass es Tiefen an Beziehungen gibt, denen die kurze Lust, der leidenschaftliche Moment, nicht dauerhaft etwas entgegen zu setzen hat. Auch wenn am Ende des Buches nicht jeder der Beteiligten bereit ist, daraus die offenkundigen Schlüsse zu ziehen.

 

Eine zwar alltägliche und gar nicht einmal sonderlich spannende Geschichte, in erster Linie aber eine treffende Betrachtung der modernen „Liebeswelt“ und, vor allem, der inneren Schwankungen des modernen Menschen. Eine sehr empfehlenswerte „Lebens- und Liebesstudie“.

 

M.Lehmann-Pape 2012