Suhrkamp 2012
Suhrkamp 2012

Anne-Gine Goemans - Gleitflug

 

Ein Plan

 

„Im Grunde genommen war alles gesagt worden, nachdem seine Mutter ihn gefragt hatte „Was willst Du denn, Gieles“?“.

 

Aber bis Gieles seine klaren Antworten in seiner kleinen, durchaus überschaubaren Welt findet und formulieren kann, da braucht es doch einiges im Vorfeld an Überlegung und Erlebnis.

Dort, auf dem Polder in Holland, neben dem kleinen Flughafen, für dessen Sicherheit von „Vogelseite“ aus Gieles Vater zuständig ist. Der mit seinem Zwillingsbruder (der ihm gar nicht ähnlich sieht, bis auf die Größe von 1,99 Meter) in einem Bauernhof neben dem Flugfeld lebt. Wo sein Bruder einen kleinen Camping betreibt. Nichts wirklich touristisches, eher für Leute wie Johan und seine Frau gedacht, für Flugzeugfanatiker, die dem Starten und Landen zusehen möchten aus nächster Nähe.

 

Und mitten drin Gieles. Gut bekannt mit den paar Leuten, die ihre Häuser noch nicht verlassen haben, seitdem es die Landebahn gibt. Mit seinem Vater und seinem Onkel, seinen beiden Gänsen, die er halten darf, weil diese nicht fliegen und daher keine Gefährdung darstellen. Mit der Nachbarin Dolly, auf deren drei Kinder er gegen Geld aufpasst und die sehr schnell und leicht aus der Haut zu fahren droht. Ohrfeigen für die Kleinen sind keine Seltenheit. Was Giels Angst macht.

Mit Toon, irgendwie schon seinem Freund, auch wenn Toon „zurückgeblieben“ ist. Immerhin teilt dieser Toon ziemlich heftig die feuchten Träume auch des 14jährigen Gieles und verhilft diesem zu dem ein oder anderen „Einblick“. Was Gieles irgendwie noch peinlich ist, aber immerhin ist er im Internet mit „Gravitation“ in Kontakt, einem Mädchen, dass er schwer zu beeindrucken gedenkt, die aber leider sehr wenig Haut auf ihren Fotos zeigt.

Zudem schließt Gieles enge Bekanntschaft mit einem ehemaligen Lehrer, jetzigen Reporter und unglaublich dicken Mann, „Suprt-Waling“, der sich zwar ohne Elektromobil nicht mehr fortbewegen kann, Gieles aber vieles über die Geschichte des Ortes erzählt, der ihm ein Manuskript über die Geschichte seiner Urahnen zu lesen geben wird, in dem für Gieles vieles auch für ihn selber klar werden wird. Was das Leben und die Liebe angeht. Denn irgendwann im Lauf der Geschichte steht die Internetbekanntschaft tatsächlich vor seiner Tür am Flugfeld.

Mit all diesen teils sehr eigentümlichen Menschen, die Goemann mit großer Zuwendung im Buch gestaltet und denen  sie eine Vielzahl von Dimensionen zu geben versteht, lebt Gieles.

 

Nur nicht mit seiner Mutter. Die  bringt gerade einmal wieder ein „Opfer“. In der dritten Welt. Und Gieles kann und will das nicht verstehen. Dass sie sich immer wieder von ihm und seinem Vater für Wochen und Monate trennt, um irgendwo in Somalia den Afrikaner zu helfen. Wo doch die Familie sie braucht. Sehr. Gieles fasst einen geheimen Plan. Mit seinen beiden Gänsen, die er versucht, auf diesen Plan hin zu trainieren, mit zwei weiteren kleinen Gänsen, die irgendwie auf den Hof gelangen. Einen Plan, der seiner Mutter zeigen wird, dass auch zu Hause reine „Rettungsaktion“ auf sie wartet, so dass sie nie mehr wegzugehen braucht, um ein „Opfer“ zu bringen.

 

Kleine Geschichten in der großen Geschichte sind es, mit denen Anne-Gine Goemans ihre Figuren sich entfalten lässt. Eingebunden in den „geheimen Plan“, für den der Leser über lange Strecken hinweg keine verwertbaren Andeutungen erhält und so mit Spannung weiter liest, um Gieles Plan „auf die Spur“ zu kommen.

 

Neben der anregend zu lesenden sprachlichen Umsetzung, bei der Goermans selbst auf die detaillierte Darstellung des das Ausdrückens eitriger Pickel nicht verzichtet, um die Welt der 14jährigen lebensecht nahe zu bringen, sind es diese Geschichten von Leben und Liebe (auch erster Liebe) um die Personen herum, die den Leser hineinziehen in diese überschaubare, kleine Welt neben dem Flugfeld. Personen, die alle ein wenig „neben der Spur“ sind, Wie das werden kann, in die „richtige“ Spur wieder zu kommen, davon handelt dieser Roman und legt in kreativer Form die Möglichkeiten des Lebens gelungen vor die Augen des Lesers.

 

M.Lehmann-Pape 2012