Kein&Aber 2015
Kein&Aber 2015

Anne Tyler – Der leuchtend blaue Faden

 

Hoch differenzierte  und flüssig lesbare „Anatomie einer Familie“

 

Fast wie ein Übungsbuch zur Familientherapie und, in diesem Feld, zur Methode der „Familienaufstellung“ kommt dem Leser am Ende der Lektüre dieses neue Werk von Anne Tyler vor.

 

In die feinsten Verästelungen der Personen noch, in die Nuancen der Beziehungen untereinander und in deren Beziehungsgeflecht und äußeres Ergehen folgt sie der Familie Whitshank, an deren Spitze Abby und Red als Vater und Mutter ihre vier Kinder begleiten, erziehen, mit manchmal vielen Fragezeichen betrachten und auch untereinander ihre Beziehung immer wieder in Nähe und Distanz austarieren.

 

Ein inneres Geschehen, das im Buch nicht in Form von Beziehungsgesprächen stattfindet (oft wird lieber mal gar nicht angesprochen, was da irritiert, aus Sorge vor Kontaktverlust).

 

Wobei die „heimliche“ zentrale Figur der Familie der freiheitsbewusste Denny ist. Ältester Sohn und zu verbindlichen Erklärungen und festen Verabredungen genauso wenig bereit, wie zu ausführlichen Erzählungen über sich. Fast das gesamte Buch über rätselt so der Rest der Familie alleine schon über das, was Denny arbeitet. Oder nimmt seinen kurzen Anruf „Ich bin schwul“ ebenso zunächst hin, wie seine bald darauf folgende, dann aber heterosexuelle Hochzeit samt Nachwuchs. Und wiederum nicht lagen danach seine Trennung.

 

„Es war wirklich sehr schwer, sich eine Vorstellung von Dennys Privatleben zu machen“.

 

Was auch für den Leser gilt, der ebenso wie Abby oder Red oder die anderen keine Erklärungen über deren konkretes Verhalten als Form der Metakommunikation der Autorin erhält, sondern durch sein hineingezogen werden, durch sein eigenes, inneres Erleben in sich ein Bild der Familie entstehen sieht.

 

Mit ihren Nähen und Distanzen, den „ganz normalen“ Fragen und Reibereien des Lebens, der Erweiterung der Familie durch Schwiegerkinder und Enkel (auch hier ist Denny der Vorreiter der Familie) und des langsamen Lösens der Bindungen der Kernfamilie in das je eigene Leben hinein.

 

Wobei das „Heim“, das große Haus, lange, lange Zeit eine Form des wichtigen Treffpunktes und Mittelpunktes bleiben wird, ebenso, wie so manche liebgewonnene Familientradition bewahrt werden soll (wiederum bis auf Denny).

 

Das immer wieder Denny im Mittelpunkt der Gefühle steht, des Ärgers, der Sorge, nach einer Weile der Lektüre wird deutlich, dass in Denny die Ankerfigur ihr Wesen treibt. Jene Kraft, die zum einen gerade durch ihre innere Distanz „umgarnt“ wird von den anderen, wichtig ist, eben auch „dasein soll“, und zum anderen, weil an Denny eben auch deutlich wird, wie das gehen kann, dass trotz einem sehr individuell und für sich gestalten des Lebens die familiären Bande tragfähig erhalten bleiben.

 

Der „blaue Faden“ (ein ganz besonderes, wichtiges blau) wird am Ende des Buches dann wie ein Symbol aufzeigen, wie innere Bindungen sich unauflösbar und „flickend“ gestalten, wie da im Hintergrund Denny gewirkt hat und dieser wiederum die größere Kraft der familiären Bindung durch ein kleines „Näh-Ereignis“ am Rande für sich erfasst hat.

Denn der feste Glaube in der Familie:  „In der Familie Whitshank starb man nicht, davon waren ihre Mitglieder überzeugt“, der wird sich nicht halten lassen in den Jahren der Familiengeschichte, denen Tyler filigran nachgeht.

 

Was das aber heißt, wen es trifft und wie darauf reagiert wird, das muss der Leser schon selbst im Buch nachlesen.

 

Auch wenn auf dem Weg „durch die Familie“ einige Längen zu überbrücken sind, auch wenn sich manche Motive der Beziehungsäußerungen doch hier und da manchmal zu oft wiederholen, insgesamt bietet das Buch eine rege, tiefgehende und die Beziehungen innerhalb einer Familie bis ins Kleinste auslotende Darstellung, die viel an eigenem Erinnern beim Leser freizusetzen versteht.


M.Lehmann-Pape 2015