C.H.Beck 2014
C.H.Beck 2014

Anthony Doerr – Alles Licht, dass wir nicht sehen

 

Magie, Krieg und die Suche nach dem eigenen Ort im Leben

 

Die Technik des Radios, manche Texte Jules Vernes, das Wesen von Muscheln oder Schnecken, vor allem aber der zweite Weltkrieg, das „Durcheinander-Kommen“ der Zeit selbst und die Herausforderung, in all dem seinen eigenen Weg zu finden, all dies und noch viel mehr findet sich in diesem breit angelegten Roman von Anthony Doerr, der mit seinen ständigen Perspektivwechseln zwischen den beiden Hauptfiguren und seinen zudem verschiedenen Zeitebenen den Leser mitten hinein nimmt in eine große Breite der Ereignisse.

 

Drei rote Fäden sind es dabei, welche all das Geschehen zusammenhalten.

 

Die Geschichte von Werner Hauser, Waisenkind. Einer, der seine Chance zu nutzen gedenkt, dem vorgezeichneten Weg als Bergarbeiter zu entkommen,  als die Nazis an die Macht kommen. Napola wird für ihn möglich, die Eliteschule, das Ausleseinstitut der „neuen Zeit“. Werner, der im späteren Verlauf sein Wissen um die Radio- und Funktechnik nutzt, um illegale Sender aufzuspüren.

 

Marie Louise, blind. Die mit ihrem Vater in Paris lebt. Die durch ihren Vater eine Nähe zum Museum hat. Die mit ihrem Vater flüchten wird nach St. Malo, im Gepäck ein magisches Element. Einen Diamanten mit einem Flucht, der auf gar keinen Fall dem Feind in die Hände fallen darf. Mit allem Mitteln muss dieser scheinbar magische Diamant beschützt werden, um größtes Unglück von der Welt abzuwenden.

 

„Vielleicht gibt es den Stein aber auch gar  nicht. Vielleicht ist alles nur ein Schwindel, nur eine Geschichte“.

 

Solange das aber nicht klar ist, wird geforscht, verfolgt, beschützt und versteckt.

 

Jener Diamant und die Jagd auf diesen bildet den dritten roten Faden in dieser Geschichte über Zeit und Raum hinweg, in der sich alle Fäden nur selten ganz berühren, in der aber jeder einzelne Handlungsstrang kreativ, plastisch und bildkräftig von Doerr zum Leben erweckt wird (und am Selben erhalten bleibt). Mit vielfachen Beschreibungen und einer sehr treffenden Atmosphäre des späterhin alltäglichen Kriegsgeschehens.

 

„Den ganzen Winter über ziehen die Deutschen mit ihren Pferden, Schlitten, Panzern und Lastwagen über dieselben Straßen und verdichten den Schnee zu einem glatten, blutgetränkten Eiszement“.

 

In vielen kleinen Kapiteln erzählt Doerr abwechselnd vom Ergehen seiner beiden jugendlichen Protagonisten mit all ihren Problemen, Verwirrungen, Gefährdungen und Ängsten, ihrer Verwicklung (auf verschiedenen Seiten) in die Wirrungen der Zeit selbst. Mitsamt immer wieder vollzogenen Zeitsprüngen, mittels derer Doerr die Geschichte in größere Abschnitte unterteilt.

 

Da bleibt es manches Mal nicht aus, dass der Leser einige Seiten zurückblättern muss, um sich neu zu orientieren, sich zu vergewissern, „wann“ man sich denn nun genau befindet.

 

Fließend und den Leser emotional mitnehmend versteht Doerr es, zu erzählen und, neben der eigentlichen Handlung, viele kleine Informationen über ganz verschiedene Dinge der Zeit am Wegesrand zu pflücken.

 

Auf dem Weg der Annäherung der beiden Jugendlichen mit all ihren verschiedenen Haltungen, verschiedenen Lebensträumen und Lebenswegen. Bis sich beide im Buch treffen werden. Wobei dies dann nicht das Ende der Geschichte sein wird.

 

Dies alles gründet Doerr auf reale Fakten, die immer wieder den äußeren Rahmen der Ereignisse mit bestimmen.

 

Alles in allem eine nicht immer einfache Lektüre, die teilweise konzentriertes Lesen erfordert, die mit einer Fülle von Geschichten in der Geschichte aufwartet, einen intensiven Spannungsbogen durch den Weg der beiden Protagonisten durch die Zeit aufrecht erhält und sprachlich ganz exzellent umgesetzt wurde.

 

 

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2014