Suhrkamp 2014
Suhrkamp 2014

Anthony Marra – Die niedrigen Himmel

 

Was Menschsein ausmacht

 

Aller Rahmen ist weitgehend zerstört.

 

Da, wo eigentlich flaches Land die Geographie beherrscht hat, tauchen Täler und Hügel durch Bomben und Granattrichter auf. Ganz Geschosswohnungen sind wie in einem Puppenhaus einsichtig, weil die äußere Wand nicht mehr vorhanden ist.

 

Eine Atmosphäre, Bilder, Ruinen, ein Leben der grau in grau wirkenden Menschen, dass in seinen Beschreibungen im Buch unweigerlich an die Zeit nach 1945 in Berlin erinnert. Ein „zerkriegtes“ Land ist dieses Tschetschenien.

 

Und im Unterschied zu anderen Orten in ähnlicher Situation in der Geschichte ist hier noch lange nicht Schluss. An einen geregelten Wiederauf bau gar nicht zu denken. Denn die russischen Truppen, die „Föderalen“, sind noch hoch aktiv. Scheinen wahllos oder nach Gutdünken Menschen aus ihren Häusern zu holen und mitzunehmen. Menschen, die man nie wieder sieht.

 

„Ich fahre euch alle ins Grab“, verkündete der Busfahrer. „…. Und dafür werde ich jedes Schlagloch und jeden Krater mitnehmen“.

 

Der Fahrer, der Sonja auf ihrer letzten Etappe von England „nach Hause“, nach Tschetschenien bringen wird. Mühsam und langsam, denn regelmäßig wird der Bus angehalten und die Passagiere müssen ihr Gepäck öffnen, während sich die „Föderalen“ im Schutz des Busses vergewissern lassen, dass keine Kofferbombe an Bord ist, während die Passagiere 20 Meter entfernt ihre Koffer öffnen.

 

Auch Dokka, der Nachbar von Achmed wird eines Tages einfach geholt. Die kleine Tochter des Nachbarn, Hawahh, wird nicht aufgefunden. Da hatte der Vater schon vorgesorgt. Und Achmed kann das Kind nicht sich selbst überlassen. Auch wenn er mit seiner kranken und innerlich ständig wegdriftenden Frau genug zu tun hat. Aber was wäre das Leben ihm denn überhaupt noch wert, wenn auch er zum „Wolf unter Schafen“ werden würde? Zum Denunzianten oder zur seelenlosen Hülle, wie so viele aus der dörflichen Gemeinschaft? Seine Freundschaft zu Dokka, allein deswegen wird er das Kind nicht allein lassen.

 

Achmed trifft mit Hawah Sonja im Krankenhaus (soweit man den Ort noch so nennen kann). Einen Ort der reinen Mangelverwaltung, zerschossen, mitgenommen, kaum mehr für Kranke funktionsfähig. Und hier erfährt der Leser auch, warum Sonja freiwillig in diese Vorhölle zurück gekehrt ist. Ihre Schwester, ihre Seelenverwandte sucht sie. Und will sich zunächst nicht weiter aufhalten mit diesem dürren Mann und diesem Kind.

 

Doch war das Holen des Vaters ein Zufall? Wäre Hawah nur als Tochter mitgenommen worden oder haben die „Föderalen“ ein eigenes Interesse an dem Kind?

 

„Was wollen sie denn von ihr“?

„Was wollen sie denn von irgendwem“?

 

Geschützt werden muss das Kind und ebenso mehr und mehr entsteht eine innerlich verbundene, kleine Gemeinschaft inmitten all des Zusammenbruchs des Menschlichen.

 

Ein „schweres“ Buch hat Marra verfasst. Nicht von der Sprache her, die eingängig, wortreich und treffend den Leser inmitten dieses gottverlassenen Ortes an verschiedenen Zeitebenen führt. Ausgereift zeigt sich Marra sprachlich in bester Weise.

 

Schwer aber im Sinne dessen, dass Marra es versteht, die Bedrückung, die Zerstörung, die teilweise Entmenschlichung, das Totalitäre, das Denunziantentum dicht in den Raum zu setzen. So dass der Leser nach wenigen Seiten bereits mitbangt und mitfühlt bei diesem Versuch, diesem Aufflackern von Mitleid und Solidarität, von Liebe und Verantwortung.

 

 

Ein Buch, dass man weder schnell aus der Hand legt noch schnell vergisst, eine sehr empfehlenswerte Lektüre darüber, was  den Kern des Menschlichen ausmachen kann (und sollte), wenn all zivilisatorische Tünche und kulturelle Rahmung zerbrochen ist, wenn die Himmel bedrängend niedrig hängen.

 

M.Lehmann-Pape 2014