Hoffmann und Campe 2015
Hoffmann und Campe 2015

Antonia Baum – Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren

 

Grandios erzählt

 

Und nein, es ist kein Schrottplatz (auch wenn es teilweise im Haus so aussieht) sondern ein durchaus großzügiger Wohnraum, in dem Romy, die Tochter samt ihren Brüdern Clint und Johnny und dem sehr, sehr eigenen Vater Theodor aufwachsen.

 

Und es sind auch nicht Radkappen und Stoßstangen, von denen sich ernährt wird. Aber schon alte Konserven oder auch mal ein fieser Hamburger. Das aber eher zur Strafe, denn einer der Grundsätze Theodors lautet, dass nichts weggeworfen wird.

 

Gerade die Szene mit dem Hamburger, den der Arzt, Autoschrauber, irgendwie Lebenskünstler, sehr konkret an anderen Menschen kaum interessierte (was auch seine Kinder mit einschießt, was Theodor aber natürlich ganz anders sehen würde), sich von nichts und niemanden an seiner Art des (teils sehr spontanen) Lebens hindern würden lassende und dazu ein äußerst rasanter Autofahrer, den Hamburger, den dieser einäugige Berg von einem Mann seinen Kinder „reindrückt“, gerade diese Szene fasst in sich die ganze, herzzerreißende Härte der Kindheit der drei Kinder zusammen.

 

Auch wenn all dies hinter schnoddriger Sprache verborgen liegt, auch wenn Theodor letztendlich der Mittelpunkt des Lebens der Kinder ist, den sie lieben und fürchten, den sie beschützen wollen und vor dem sie wegweichen möchten, der sie trägt und stützt, der sie aber auch vernachlässigt und dem Gespött preisgibt (was seine unglaubliche „Sparsamkeit“ angeht auch in Bezug auf Kleidung für seine Kinder).

 

Letztendlich schreibt Antonia Baum über hin- und hergeworfene Kinder, die in einem zweiten Strang der Geschichte (der in der Gegenwart angesiedelt ist) in all ihren „Spätfolgen“ sichtbar vor die Augen des Lesers treten. Kinder, deren Mutter gestorben ist (scheinbar bei der Geburt der Zwillinge Clint und Romy).

 

Hier sind keine Lebenskünstler am Werk, die trotz oder gerade wegen einer chaotischen Kindheit später zu smarten jungen Menschen werden, sondern hier sind dann junge Erwachsene, die ständig drohen, „aus der Kurve zu fliegen“, von denen jeder einen gewaltigen Packen zu tragen hat.

 

Und dennoch, trotz aller Hass-erzeugender Vorfälle, trotz allen Ekels des Lesers auch vor diesem Mann, Antonia Baum schafft es, dem Leser nicht nur zu erklären, wie unauflösbar die Bindungen zwischen Johnny, Romy und Clint zu ihrem Vater Theodor sind, sondern sie führt den Leser emotional mit hinein in diese Bindung. In das eigene Erleben von abgestoßen sein, angewidert und plötzlich wieder mit fast sympathischen Gefühlen zu Theodor versehen.

 

Der allein lässt, verschwindet, der brutal sein kann aber auch zärtlich, der sich um nichts kümmert und irgendwie um alles, der festes Vertrauen in seine Kinder hat, aber das eher nur, um sich nicht kümmern zu müssen.

 

Der seinen engen Freund Sultan (ein Hehler von Allahs Gnaden, Ersatzmutter der Kinder später) dann auch einfach sitzen lässt im Knast. Aus den Augen, aus dem Sinn.

 

Eine grandios erzählte Geschichte voller Emotionen, die gekonnt die reibende Spannung zwischen Egomanie und Bindung darstellt.

 

Mit einer dichten und bildreichen Sprache.

 

„Wenn ein Mensch, der zu dir gehört, festgenommen wird, ist es ganz still, und irgendwo, tief hinter deinen Augen, schleicht die Zeit vorbei. Sie geht, als hätte sie ganz viel davon“.

 

In der Antonia Baum vom äußeren Setting her im tiefsten sozialen Brennpunkt angelangt scheint (was auch die Mitschüler der drei Kinder so sehen), von den eigentlichen Verhältnissen her aber durchaus im Bürgertum ihre Geschichte ansiedelt.

 

Was das Verhalten Theodors noch schwieriger zu ertragen macht und den Leser ein um das andere Mal tief schlucken lässt, wenn er den Kindern an die Seite gestellt so manches miterlebt und nacherlebt.

 

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre.


M.Lehmann-Pape 2015