Marion von Schröder 2011
Marion von Schröder 2011

Astrid Ruppert – Wenn nicht jetzt, wann dann?

 

Denn erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt ….

 

Die 1964 im Saarland geborene, in Fulda aufgewachsene und mit Mann und Tochter in Wiesbaden lebende Autorin studierte Anglistik und war vor ihrer schriftstellerischen Karriere als Dramaturgin und Redakteurin bei verschiedenen Fernsehprojekten tätig. Dazu zählen nicht nur Lily-Schönauer-Verfilmungen oder Folgen des Traumhotels. In den vergangenen zehn Jahren wirkte sie an über 40 TV-Serien und -Filmen mit, bei dem Kurzfilm „Nebenan leben“ führte Ruppert selbst Regie. 2009 kam ihr erstes Buch „Obendrüber, da schneit es“ bei List heraus, welches 2010 vom ZDF verfilmt wurde.

 

Der sommerlich gehaltene Buchumschlag in zartem grün mit glänzenden Blütenranken, rotem Klatschmohn, Herzen, die wie Blütenblätter aufgewirbelt werden, und einer Frau, die die Arme ausbreitet und die Hände Richtung Himmel erhebt, als wolle sie die Blätter fangen; innen orangefarbene Vorsatzseiten, auf denen sich die Blütenranken und Herzen Ton in Ton wiederholen – all das deutet auf das hin, was Astrid Ruppert mit Wenn nicht jetzt, wann dann? geschrieben hat: eine leichte, romantische Geschichte.

 

Die handelt laut Text auf dem Umschlag von drei Frauen, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Annemie ist trotz gegenteiliger Erfahrungen und einem Ordnungs- und Regeltick der romantische Typ, was sich in ihren Kuchenkreationen zeigt. Die Witwe glaubt an die Liebe und ist als Älteste eher mütterlich-großmütterlich. Ihr Tagesablauf ist eingefahren, ihre Welt klein und Höhepunkte erlebt sie allenfalls beim Backen oder Lesen von Liebesromanen. Die leicht chaotische und quirlige und an Vorzeichen glaubende Liz ist nach einer einschneidenden Erfahrung kurz vor ihrer eigenen Hochzeit von Männern und besten Freundinnen geheilt. Sie versinkt jedoch nicht in Selbstmitleid. Stattdessen versteigert sie ihre eigene Hochzeitsfeier samt Brautkleid und gründet eine Hochzeitsplaneragentur – in der bald schon die Kuchen von Annemie reißenden Absatz finden. Die Agentur läuft so gut, dass die Juwelierstochter Nina darauf aufmerksam wird und ihre eigene Hochzeit von Liz organisiert haben möchte. Nina – die Jüngste der drei Frauen - weiß, was sie möchte, wusste es immer schon und die Hochzeit ist eigentlich nur ein kleiner Meilenstein in ihrer lange fest stehenden Lebensplanung.

 

Die Idee passt ganz gut in die Projekte, an denen Ruppert bereits während ihrer Tätigkeit beim Fernsehen beteiligt war. Und ganz wie in diversen Filmen und Folgen läuft natürlich bei den drei Frauen nicht alles glatt. Ein Fahrradunfall von Liz, der sie mit gebrochenen Knochen für nahezu den Rest des Buches ins Krankenhaus befördert, stellt die eingefahrenen Weichen im Leben der Frauen um. In ihrer Not wendet Liz sich an ihre Nachbarin Annemie, damit die sich um die Agentur kümmert und ihre Kunden wenigstens rudimentär betreut oder sie vertröstet. In diesem Zusammenhang lernen sich auch Annemie und Nina kennen. Dabei wächst Annemie förmlich über sich hinaus.

 

Allen drei Frauen ist gemeinsam, dass sie Schutzmauern um sich errichtet haben, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Die haben dazu geführt, dass jede von ihnen auf ihre Art einsam ist. Sie stellen fest, dass der Schritt aus ihrem kleinen, scheinbar sicheren, selbst errichteten Gefängnis zwar nicht unbedingt leicht, aber überraschend klein ist und das Leben durchaus noch mehr beinhalten kann, als sie bisher annahmen. Abgesehen davon muss jede für sich weitere Lektionen lernen. Dass es wichtig ist, Freunde zu haben. Dass Gefühle zwar unterdrückt und verleugnet, aber nicht einfach abgestellt werden können. Sie müssen lernen, dass es von Bedeutung ist, im richtigen Moment „nein“ sagen zu können. Und dass Veränderung wehtun kann, jedoch nicht zwingend negativ sein muss.

 

Je weiter man liest, desto mehr kristallisiert sich heraus, dass Annemie, die Unscheinbarste, den Hauptpart in der Geschichte einnimmt. Um sie dreht und wendet sich alles, auch wenn Liz im Krankenhaus einen Arzt kennenlernt, der Interesse an ihr zeigt oder Nina plötzlich feststellt, wie sehr sie eine mütterliche Bezugsperson vermisst und sich fragt, ob ihr Verlobter tatsächlich der richtige für sie ist. Annemie entwickelt sich am meisten in diesem Buch, ihr Schritt zurück ins Leben ist der größte. Sie kann nicht nur auf die Erfahrungen aus sechs Jahrzehnten zurückblicken, sie kann trotz allem nach vorne sehen. Das können Liz und Nina natürlich auch, doch sie wirken, obwohl sie quasi omnipräsent sind, eher wie Nebencharaktere.

 

Ruppert hat für Wenn nicht jetzt, wann dann? einen ruhigen Ton gewählt. Unaufdringlich verzichtet sie für ihre Liebesgeschichte auf erotisch angehauchte Sequenzen und lenkt damit den Fokus auf die turbulenten Gefühle, die die Frauen – allen voran Annemie – unverhofft durchleben. Durch geschickt verwobene Erinnerungen an Vergangenes hat die Autorin wunderbar lebendige und glaubwürdige Figuren geschaffen, die direkt neben uns leben könnten. Sie schlägt dabei jeweils einen Bogen aus der Kindheit ihrer Charaktere in die Gegenwart, ohne zu sehr in die eine oder andere Richtung zu driften. Nebenbei lässt Ruppert ihre Leser gleichsam emphatisch an der Gefühls- und Gedankenwelt der männlichen Nebencharaktere teilnehmen. Lässt Freundschaften wachsen, alte Zwistigkeiten aufarbeiten, Hoffnung und Lebensmut sprießen und bisher standhaft verteidigte Verhaltensmuster verblassen.

 

Tatsächlich ist die eine oder andere Passage vorhersehbar und schrammt an Sentimentalitätsgrenzen vorbei. Dies wird jedoch durch den lockeren, flüssigen, stellenweise humorigen Stil der Autorin wettgemacht, zumal die von ihr beschriebenen Charaktere, trotz ihrer Eigenheiten und Schwächen, durchweg sympathisch sind. Bei aller Leichtigkeit bewegt die Geschichte, man leidet vor allem mit Annemie – sei es als Kind, als junge Frau oder als unvorhergesehene Hochzeitsplanerin.

 

Fazit

 

Liebe ist für jedes Alter etwas, genau wie Hoffnung und das Verlassen eingefahrener Wege. Genau das bringt Ruppert in ihrem zweiten Roman zum Ausdruck. Wenn nicht jetzt, wann dann? ist ein unterhaltsamer, romantischer, aufheiternder Roman, der Lust auf mehr macht. Dafür gibt es vier Punkte von fünf Punkten.

 

Copyright © 2011 by Antje Jürgens (AJ)