btb 2011
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Audur Jónsdóttir – Jenseits des Meeres liegt die ganze Welt

 

Island-Verhältnisse

 

Die überschaubare, fast intime Welt Islands mit seiner beeindruckenden Landschaft und den letztlich relativ nur wenigen Einwohnern ist der Ort, an dem Audur Jónsdóttir schreibt und auch ihren neuen Roman ansiedelt.

 

Arndís, die ehemals beste Freundin Sunnas, wird vermisst. Sunna ist schockiert. Nicht nur, weil in Island Gewaltverbrechen oder das einfache Verschwinden von Personen weiterhin nicht zur Tagesordnung gehört, sondern auch, weil Sunna einiges weiß über ihre Freundin. Auch über dunkle Ereignisse der Vergangenheit.

Seit langem zwar hat sie bereits von ihrer ehemals besten Freundin nichts mehr gehört, der Kontakt ist versandet, aber nun tritt die alte Freundschaft mit Macht wieder in den Raum. Mit Vehemenz macht sich Sunna auf die Suche nach ihrer Freundin. Liegt eine Spur des Verschwindens vielleicht in dem, was beide gemeinsam in Spanien erlebt haben, als sie für einige Monate zusammen dort studiert hatten?

 

Sunas Recherchen werden durch einige Unwägbarkeiten erschert. Zum einen betreut sie zur Zeit den Sohn ihres Lebensgefährten, der außerhalb der Stadt weilt. Zum anderen steht Arbeit im Raum, ein Seminar will gehalten werden. Aber auch ihre eigenen Unsicherheiten und ihre Scheu, fast Lebensangst ist ein gewichtiges Hindernis ihrer Suche nach Arndís, vor allem, als sie recht schnell feststellen muss, dass die Suche nicht ohne Gefahren ist. Nicht nur in ihrer Einbildung fühlt sich Sunna bald schon verfolgt. Und sie wird recht damit behalten, dass die Ursache für das Verschwinden der Freundin in der gemeinsamen Vergangenheit zu finden sein wird. Eine Vergangenheit, in der schockierendes passiert ist, Ereignisse, denen sich Sunna nun Jahre später stellen werden muss und die sie nicht unverändert zurücklassen werden. Auch nicht, was ihre Freundin Arndís angeht.

 

In Rückblenden legt Jónsdóttir diese gemeinsamen Erlebnisse der beiden Freundinnen als zweiten Erzählstrang im Roman an. Nachdem zunächst nicht nur die Hauptfigur, sondern auch der Leser im Dunkeln tappt, was das Verschwinden der Freundin und die Gründe für dieses angeht, lichtet sich im Verlauf des Romans mehr und mehr das Dickicht und die Zusammenhänge zwischen der aktuellen Bedrohung und den vergangenen Hintergründen tritt klarer in den Raum. Dies geschieht allerdings mit erheblich weniger Spannung, als es die eher kriminalistische Ausgangssituation des Buches in den Raum setzt.

Eine Geschichte mit offenem Ende. Eine Offenheit, die ebenso die Suche nach Arndís betreffen wird, eine Frau, für die „Frauenrechte vor allem ihre eigenen Rechte immer waren“, wie auch für das ganze Beziehungsgeflecht Sunnas. Denn auch ihr Lebensgefährte Axel spielt nicht mit ganz offenen Karten und mit ihrer Mutter gilt es, noch einiges aufzuarbeiten..

 

In eher knapper Sprache, die einen durchgehenden Fluss aufweist und teils wie atemlos wirkt, wendet sich die Autorin letztlich viel weniger dem eigentlichen „Fall“ zu, sondern beschreibt mehr und mehr die Entwicklung ihrer Hauptfigur Sunna, die durch die intensive Beschäftigung mit ihrer eigenen Geschichte und ihren eigenen Beziehungen beginnt, sich zu entpuppen. Aus der Anfangs scheuen, zurückhaltenden und leicht beeinflussbaren Frau wird mit zunehmender Dauer eine starke Persönlichkeit, die den Gefahren trotzt, letztlich sich selber findet und das nicht zuletzt dadurch, dass ihr letztendlich alle Zusammenhänge und auch ihre eigene Rolle gerade in der Freundschaft mit Arndís deutlich wird. Ein im Kern durchaus interessanter Entwicklungsroman mit Längen und gewöhnungsbedürftiger Sprache.

 

M.Lehmann-Pape 2011

Audur Jónsdóttir,

 

geboren 1973 ist die Enkelin des isländischen Nobelpreisträgers Halldór LAxness und eine der bekanntesten jüngeren Schriftstellereinnen Islands. 

 

(Quelle: btb Verlag)