S.Fischer 2015
S.Fischer 2015

Baptiste Beaulieu – Leben ist nicht schwer

 

Mitreißend

 

„Heute duschte ich in einer OP Maske. Ein tödliches Bakterium und vier Assistenzärzte, alle nackt, mit einer Entenmaske im Gesicht. Falls es einen Gott gibt, lacht er sich bestimmt manchmal schief“.


Was, bei allem Ernst und aller auch Dramatik, die in diesem Buch zu finden sind, dem Leser ebenfalls hier und da so ergehen könnte.

Mit warmem Humor schreibt der Arzt Baptiste Beaulieu seine Geschichten von Krankheit und Not, vom Dasein als Arzt im Krankenhaus, von tiefen Emotionen und so manches Mal (oft auch unfreiwilliger) eben auch Komik.

 

Durch die Augen seiner „corparate identity“, eines jungen Assistenzarzte („man wirkt so dumm, wenn man 27 Jahre alt ist und von der Jugend nichts mehr versteht) führt Beaulieu den Leser mit der ihm eigenen warmer Emotion durch mannigfaltige Geschichten aus dem Krankenhaus. Weder pathetisch noch „über-locker“, sondern genau im richtigen Ton lässt er den Leser an all den Freuden und Leiden, an den Sorgen und dem (auch Galgen-) Humor des täglichen Ringens mit dem Leben teilhaben.

 

Momente wie im Blick auf die „Feuervogelfrau“, die so viel isst, dass es „für vier“ reichen würde. Weil Essen Leben ist, weil ein gut gefüllter Bauch den Menschen fest im Leben verankert. Weil aber auch gilt: „Auch wenn er sie stundenlang anstarrte, würde es nichts ändern. Sie wird nicht alt werden“.

 

Oder, Nomen est Omen, „Herr Hiob“, der „reinste menschliche Rumtopf“, unverbesserlicher Trinker.

 

„Er war so komplett in Alkohol eingelegt, dass er mich für einen Schiffskapitän (an manchen Tagen auch für Mata Hari) gehalten hat“.

 

Mit trockenem Humor und wenigen Sätzen gelingt es Beaulieu (hier und an allen anderen Stellen des Buches), das gesamte Leben eines Menschen zu umreißen, emotional dem Leser umgehend ein inneres Bild des konkreten Patienten (oder Kollegen) zu vermitteln und immer auf den Kern des Erlebens „hinter den Geschichten“ zu verweisen.

 

„Ich mochte Herrn Hiob. Sein Leben ist eine Lektion: Niemand ist davor gefeit, sich die Füße im Teppich des Lebens zu verfangen“.

 

Ein Lernen der Hauptfigur (und des Autors), welches er dem Leser immer wieder in anderer Form in den vielfältigen geschilderten Erlebnissen vermittelt:

 

„Dank der Medizin habe ich alle Vorurteile über Bord geworfen“.

 

Das Leben fließen lassen. Es nehmen, wie es ist. Sich nicht davon unterkriegen  lassen, die Augen wach und offen halten, solange es geht, auch wenn im Raum steht, dass sich die „Leberzirrhose mit einem Leberkarzinom vermählt hat“ und dieses Paar dann „Nachwuchs“ gezeugt hat in Form von Metastasen in Knochen, Lunge und Hirn.

 

„Ich bin eben ein Perfektionist. Wenn schon krank, dann richtig. Er nannte das „den Grand Slam gewinnen““.

 

Auch wenn Beaulieu mit leichter Hand zu schreiben versteht, auch wenn neben den schwer Erkrankten auch die Gesundenden im Blick stehen, vor allem ist dieses Buch ein Buch für das Leben und für die  Mitmenschlichkeit.

 

Es ist kein Fehler, bis zum Ende bei einem Menschen zu bleiben, auch wenn man sich damit selber Leid zufügt. Denn mit echter Emotion und echter Nähe ist das Leben dann nicht schwer. Es fließt vor sich hin. Mit hohen Wellen und ruhiger See.

 

„Wenn du jemanden brauchst, ich bin da. Wenn du reden willst, ich bin da. Wenn du wütend bist, ich bin da. Wenn du jemand eine scheuern willst, ich bin da. Und wenn du weinen willst, dann weine“.

 

Ein wunderbares, schön geschriebenes und zutiefst menschliches, Mut machendes Buch.


M.Lehmann-Pape 2015