C.Bertelsmann 2014
C.Bertelsmann 2014

Barbara Kingsolver – Das Flugverhalten der Schmetterlinge

 

Präzise getroffene Charaktere

 

Nicht nur das andersartige Flugverhalten tausender von Schmetterlingen fasst Barbara Kingsolver in ihrem neuen Roman bestens in bildkräftige Beschreibungen und Worte, auch und vor allem ihre differenziert und schattiert gezeichneten Persönlichkeiten wirken in hohem Maße real, lebendig und bieten dem Leser vielfache Flächen zur inneren Anhaftung.

 

In einer Atmosphäre, in der das Leben in einer amerikanischen Kleinstadt den fassbaren Rahmen der Geschichte abgibt.

 

„Herr im Himmel, das Mädchen hat Gottes Segen empfangen“ ist so einer dieser Sätze, in dem Mentalität, innere Haltung und die familiäre Beziehungsstruktur erkennbar mitschwingen. Aus dem Mutter der Schweigermutter Dellatrobias, die grundlegend auf das Machtgefälle achtet, die ihrer Schweigertochter ebenso grundlegend ihren „Platz“ zuweist, ist dieser Ausruf fast das höchstmögliche an Kompliment.

 

In einer Situation, in der die Macht doch so klar erkennbar wurde. Wo deutlich wird, dass die Schwiegereltern aufgrund ihrer eigenen wirtschaftlichen Risiken ohne weiteres Dellarobia und ihrem Mann das Dach über dem Kopf wegnehmen könnten. Und, was noch schlimmer ist, Cub, ihr Mann, träge, eingefahren, langsam im Denken und Handeln, zuckt mal wieder gar nicht. Nimmt das alles hin. Ist ganz der Sohn, ganz zufrieden, ganz eingefahren in jene  Lebensstrukturen, die er nie anders kannte.

 

Auch dies legt Kingsolver präzise und treffend vor die Augen des Lesers. Diese Enge, das patriarchalische Denken (Cub wird noch als Erwachsener Mann mit seinem Spitznamen gerufen, sein Vater ist natürlich „Bear“ Turnbow).

 

In all diesem regt sich schon lange Widerstand in Dallarobia. Eigentlich versteht sie gar nicht, was sie irgendwann dazu bewogen hat, diesen Mann zu heiraten.

 

„Wo, wie er auf dem Rücken lag, erinnerte er an einen Berg, in der Mitte war er am höchsten und flachte an beiden Enden ab“. Ein treffendes Bild in ihren Augen, um ihren Mann auch innerlich zu beschreiben. Abflachend eben mit träger Mitte.

 

Doch sie gedenkt, dagegen etwas zu tun. Ist auf dem Weg in die alte Jagdhütte zu diesem jungen „Telekom-Mann“. Und zu allem bereit. Die Kinder bei der Schweigermutter, fast wäre sie sogar gleich nackt zur Hütte gegangen.

 

Und trifft auf dem Weg auf ein Naturwunder. Tausende orangefarbener Schmetterlinge bevölkern wie über Nacht den Welt, umschwirren sie, lassen alle Pläne, den Wald aus Geldnot einfach komplett abzuholzen, stoppen. Das ist ihr ganz persönliches Wunder, so sieht Dellarobia das.

 

„Es war ein Feuermeer, etwas viel Gewaltigeres und Wundervolleres, als jedes der beiden Elemente für sich genommen. Es war das Unmögliche“.

 

Und mit feinen Mitteln führt Kingsolver den Leser nun hinein in einen Entwicklungsroman der besonderen Art, dem „Erwachsen-Werden“ einer erwachsenen Frau mit interessanten, unverhofften Wendungen.

„Dellarobia hatte diese Art von Geplapper jahrelang durchgehen lassen und (nie) Rückgrat gezeigt. Bis jetzt“.

 

„Sie schluckte ihren Ärger nicht mehr länger herunter, sondern konterte“.

 

Eine Entwicklung, die mit und um die Schmetterlinge herum immer mehr Formen annimmt, die Kingsolver sprachlich ausgereift in ihrem Roman von allen Seiten voranbringt, in dem in die starren Beziehungen Schritt für Schritt je eigenes Leben einzieht. Eine Entwicklung, die nicht bei der Erklärung des Phänomens durch einen attraktiven Biologen enden wird.

 

 

Eine sprachlich ausgereifte, treffende, lebendige Entwicklungsgeschichte ganz besonderer Art, die eine sehr empfehlenswerte Lektüre darstellt und den Blick auf all das Festgefahrene des Lebens einerseits und die Sehnsucht nach Lebendigkeit andererseits lenkt.  

 

M.Lehmann-Pape 2014