Hoffmann und Campe 2012
Hoffmann und Campe 2012

Benjamin Lebert – Im Winter Dein Herz

 

Eine poetische Reise zu sich selbst

 

„Wenn ich mir ein zu Hause vorstelle, dachte er, muss es wie eine Muschel sein. Glatt, still, beschützend. Mit einem Inneren, in dem ich ganz verschwinden kann“.

 

Und ein zu Hause sucht er. Robert. Nicht umsonst ist er auf dem Weg zu seinem Vater. Ein Weg, der eilt. In diesem Winter in Deutschland. Einem ganz besonderen Deutschland, wie Benjamin Lebert es metaphernreich ausformt. Sicher, vordergründig sucht jener Robert mit seinen zwei engen Weggefährten nach dem, was man gemeinhin unter den Oberbegriff „Liebe“ einordnen kann. Aber die kurzen Einwürfe nach den jeweiligen erzählenden Kapiteln weisen den Weg genauer. „Geborgenheit“ ist das Oberthema. Eine Geborgenheit in sich selbst, aber auch im Äußeren dessen, was das Leben ausmacht. Jener Robert, der aufgrund seiner plötzlichen Unfähigkeit, Nahrung zu sich zu nehmen zunächst eine Klinik aufsucht.

 

In einem Land, das unter einer arktischer Winterdecke liegt. In dem die Menschen seit Jahrzehnten bereits dazu übergegangen sind, einen medikamentös gesteuerten Winterschlaf zu halten. Auch dies darf beruhigt metaphorisch verstanden werden als eine bildliche Rahmung des Lebens in einem Land, einer Gesellschaft, die als kalt empfunden werden kann, die wie im taumelnden Schlaf sich vorwärtsbewegt und „wache Gedanken“ lieber weit an den Rand schiebt. Mit Ausnahmen natürlich. Ausnahmen, auf die Robert (der Grübler) mit seinen beiden Wegbegleitern, der Tankstellenfrau Annina (die Kalte) und dem berufsunfähigen, Polizisten Kudowski (der Macho), den Robert in der Klinik kennengelernt hat.

 

Auf ihrer winterlichen Reise in einem Suzuki Samurai von Göttingen nach München durch ein Land im Winterschlaf, in dem nur das Notwendigste an Versorgung gewährleistet ist, treffen die drei Reisenden zum einen und allerersten auf sich selbst. Auf ihr Miteinander in aller Verschiedenheit. Auf die eigene Verschlossenheit und Einsamkeit, die auch zotige Sprüche und ironische Sätze nicht verbergen können. Machen Station in einsamen Herbergen, in denen sich jene paar Menschen versammeln, die den Winterschlaf entweder ideologisch ablehnen oder zur minimalen Aufrechterhaltung eines Winterdienstes benötigt werden.

 

Benjamin Lebert setzt seine Leser zum Glück nicht „einfach so“ hinein in diese vertraute, andererseits fremd wirkende „deutsche Welt“. Er erläutert wie nebenbei die Idee hinter dem Winterschlaf, führt dabei mühelos über die verschiedenen Bedeutungsebenen der Worte und Sätze und Bilder und erzählt Seite für Seite von einer Suche unter widrigen Umständen, einer Suche, von der den Protagonisten nicht klar zu sein scheint, um was es ihnen wirklich geht.

 

„Aber was war ihre Suche, war dieses nicht bequem liegen können? Er glaubte, dass es etwas damit zu tun hatte, dass sie eine Persönlichkeit sein wollte“.

 

Erst ganz allmählich lässt Lebert Gedankenfetzen, Stichworte auftauchen, anhand derer die Geschichte der Figuren, deren Verletzungen und deren Sehnsucht klarer wird. Nicht umsonst mündet das Buch im Übrigen in ein altes Kirchenlied, in dessen Versen Suche, Sehnsucht und Finden sich offenbaren werden. Später, nach weiten Wegen durch ein Land im kalten Schlaf.

 

Bildreich und in wunderbarer, melancholischer Sprache entführt Lebert in seinem neuen Roman in eine vertraut-fremde Welt, in der er seine differenziert gestalteten Personen Schritt für Schritt zu sich selber finden lässt. Auf eine Art und Weise, die auch beim Leser lange nachhallt und über das Buch hinaus  Impulse für ein mehr an Wagnis und Risiko im eigenen Leben setzt. Hin zu dem, was man „innere Heimat“ oder eben „Liebe“ nennen kann.

 

M.Lehmann-Pape 2012

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