Hanser 2015
Hanser 2015

Bernd Schröder – Wir sind doch alle da

 

Präzise Personenstudie

 

Was genau passiert ist, weiß niemand. Auch der Leser nicht.

Aber Bernd, der 16jährige Sohn von Michael und Ines wird an einer Hütte leblos aufgefunden und liegt nun im Krankenhaus im tiefen Koma.

 

Keine Frage, dass die Familie sich kümmert. Von allen Seiten.

 

Aber kümmert sie sich wirklich um Benny, den Sohn, Neffen und Enkel? Oder kümmert die Familie sich, wie gewohnt, grundsätzlich und ausschließlich einmal wieder jeder nur um sich?

 

„Menschen im Koma und Wachkoma verfügen über die Fähigkeit, innerlich auf Reize zu reagieren“.

 

So formuliert Schröder, der in seinen wechselnden Perspektiven der verschiedenen Familienmitglieder immer wieder kurze, medizinische Informationen einfließen lässt.

 

Bekommt Benny also mit, wie sprachlos Vater und Mutter (schon längst äußerlich, schon lange innerlich voneinander getrennt) vor der Tür des Krankenzimmers stehen?

 

Gut zumindest, dass er nicht das Gespräch außerhalb des Gebäudes miterleben muss, in dem sein Vater Michael (Hallodri, Playboy, Gernegroß und vom Vater und Bruder durch familieneigene Sanitär- und Elektrogeschäft als „unfähiger Sohn“ per Apanage mit durchgefüttert) das für ihn wichtige anspricht: Hatte seine Frau damals jemals einen Orgasmus, mit ihm?

 

Ines, die nun einen deutlich jüngeren Mann an ihrer Seite hat.

 

Während der Patriarch der Familie mal wieder dabei ist, „alles zu regeln“ (für alle anderen gleich mit), der andere Großvater mehr vor sich hinstotternd einfach was tun will (grandios, die einseitige Telefonszene, die Schröder miteinbaut und darin die Person präzise ausleuchtet) und Andreas, der „jüngere“ und dennoch „große Bruder“ (und damit Onkel Bennys) sich noch bedeckt hält. Aber das auch nicht mehr lange.

 

So sind „alle da“ samt Anhang und erweiterter Verwandtschaft im Lauf der Lektüre und doch ist keiner bei Benny, im eigentlichen Sinne des Wortes und beieinander sind die alle schon mal gar nicht.

 

Wobei es die Kunst Schröders ist, in den einzelnen Personen Archetypen zu schaffen, die für bekannte, reale, verbreitete Lebens- und Geisteshaltungen stehen und, vor allem, jeder für sich und in sich irgendwie auch Recht und sein Recht hat, das Leben so zu leben, wie er und sie es gerade lebt. Was einander dennoch in den inneren Bewertungen der anderen jeweils abgesprochen wird. Egoman setzt sich jeder und jede der Beteiligten mit ihrer Sicht der Dinge und ihrem Blick aufs Leben und die anderen an die Spitze als Richter.

 

In einem immer stärker sich verfinsterndem Klima, einander belauernd, umkreisend, sich fragend, was denn eigentlich mit dem jungen Benny wirklich geschehen ist und warum man selber auf keinen Fall daran Schuld trägt. Auch wenn man den Sohn abgeschoben hat zu den Großeltern mütterlicherseits. Und nicht nur in dieser Beziehung liegen „Altlasten“ im Raum, die lange Zeit unausgesprochen blieben, nun aber wieder von Bedeutung werden.

 

Menschen, die einander nicht zugetan sind, die sich eher, teils auch in kleinen Gruppen, mit Abscheu begegnen und doch nicht nur durch Blutsbande miteinander verwoben sind, sondern deren eigenes Leben sich auch immer in Teilen als Reaktion auf den und die anderen vollzogen hat.

 

Denn Michael hatte ja andere, durchaus wohlwollende Pläne, als er sich in Ines verliebte und diese wollte ja auch nur Erwartungen erfüllen, wenn auch wohl die Falschen. Während Andreas durch den Patriarchen der Firma immer intensiver in seine „jung schon zu alt gewordene“ Lebensrolle gedrängt wurde, auch auf der Blaupause des Versagens seines älteren Bruders. Den der Vater zu Kindezeiten sehr schätzte und den er nun irgendwie im Blick behalten und zugleich aus dem Sinn bekommen möchte.

 

Intensive, präzise, prägnant geschilderte und flüssig vorgestellte Konstellationen und Personen, die den Leser das Leben selbst erkennen lassen und lange nachhallen in der Betrachtung der eigenen Familienbeziehungen und in der Reflexion einer sich ändernden, voneinander wegstrebenden Gesellschaft, in der existenzielle Lebensbindungen häufiger eher negiert denn konstruktiv bearbeitet werden.


M.Lehmann-Pape 2015