Hanser 2017
Hanser 2017

Bernd Schroeder – Warten auf Goebbels

 

Bestens getroffene Charaktere

 

Wenn es nicht auch so dramatisch wäre, wäre es einfach nur lustig. Zumindest das ein- oder andere breite Lächeln wird der Leser sich kaum verkneifen können, wenn er inmitten des Chaos der letzten Monate des zweiten Weltkrieges in diesem idyllischen Dorf Altenburg, fern vom „Schuss“ (im wahrsten Sinne des Wortes) der Filmcrew beim Schaffen zusieht.

 

Eine Siegesfeier, das wird vorab inszeniert. Ein Film, der genau im Moment des Endsieges in den Kinos platziert werden soll, um den Freudentaumel des Volkes bildlich einzufangen und zu befördern.

 

Natürlich wird Berlin als „Repro“ gezeigt. Filmszenen aus der Zeit vor dem Krieg in den Film eingeschnitten, denn das aktuelle Berlin kann man ja leider nicht zeigen. Zumindest sähe es bei Weitem nicht so schön aus.

 

So schreiten die Arbeiten voran, wenn da nicht……

 

Der „tragende Hauptdarsteller“ ständig herum zicken würde. Vielleicht fehlt einfach auch der ein- oder andere attraktive junge Mann, um den Theaterschauspieler bei Laune zu halten.

 

Und wenn das nicht Eisleben, der Regisseur, diesen Stoff weit unter seiner Würde angenommen hätte, um das nun sehr gründlich zu gestalten. Man könnte gar auf die Idee kommen, das Eisleben sich überaus viel Zeit lässt. Denn wäre der Film fertig, würden die beteiligten Männer umgehend dem Feind entgegengeworfen werden.

 

Was die beiden aufrechten Nationalsozialisten am Set unruhig werden lässt. Und das zunehmend im Lauf der Dreharbeiten.

 

Bei denen im Übrigen auch ein wirklich wichtiges Parteimitglied mitspielen soll. Niemand weiß genaueres. Aber die Gerüchte haben sich schon entschieden, dass Goebbels persönlich vorbeischauen wird. Mit kleinen Einschüben bereitet Schroeder den Leser quasi mit darauf vor, indem er kurze Einblick in den Werdegang und das Denken des Propagandamisters mit dem Klumpfuß und der Neigung zu Schauspielerinnen mit einfließen lässt.

 

Mit viel Humor und im Ton präzise treffend lässt Schroeder den Leser zudem teilhaben an all den Animositäten, dem stillen Protest und dem lauten Vorantreiben am Set. An den fehlenden Zündkerzen, weswegen die Motorradszene einfach nicht gelingen will. Wie Schroeder alle handelnden Personen jeweils in Ruhe vorstellt und differenziert den Gang der Ereignisse gestalten lässt.

 

Und drängt doch immer wieder mit einem kühlen, kalten Satz den Leser immer wieder aus dem komödienhaften des Romans heraus in die harte Realität hinein.

 

„Sie wollen dich nicht Juden von Ariern spielen lassen?“, ist so ein Satz, an dem Schroeder den Irrsinn des Films in genau jener Zeit einfängt. Und die Protagonisten auch bei ihrem Versuch begleitet, die sich anbahnende, umfassende Niederlage in diesem Krieg für sich bestmöglich vorzubereiten. Zunächst also einfach ungestört am Leben bleiben zu können,

 

 

Ob das allen gelingt, ob Goebbels noch kommt, wie da ist mit all den persönlichen Eitelkeiten, dem Opportunismus, der Ideologie, das liest sich in diesem Roman ganz hervorragend mitsamt der immer mitschwingenden, bedrohlichen Atmosphäre des Krieges und des „Untergangs“.

 

M.Lehmann-Pape 2017