btb 2012
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Beverly Jensen – Die Hummerschwestern

 

Eindrucksvoller „Lebensroman“

 

Hummer an sich ist es eigentlich gar nicht, mit dem Idella und Avis ganz nah zu tun hätten. Dafür sorgt in der kleinen Familie eher der Bruder Dalton. Der gerne, überaus gerne das kleine Haus direkt auf den Klippen am Meer in Kanada meidet und mit dem Boot auf das  Meer aufbricht oder, falls das nicht möglich ist, sich oft in die Scheune des Farmhofes zurückzieht. Nur zum Essen sitzt er mit im Haus. Mit der kleinen Familie, der umsorgenden Mutter, dem emotional unstetigem Vater und eben seinen beiden Schwestern.

 

1916 beginnt die Geschichte am Tag der Geburt der „neuen“ Schwester, Emma. Eine Geburt, bei der die Mutter stirbt, der Vater verhärtet, das Neugeborene im Lauf der nächsten Tage in die Verwandtschaft weggeben wird und ein durchaus trostloses Leben zwischen Arbeit, Wehmut, dem Whiskykonsum des Vaters, den mit stinkendem Hering gedüngten Feldern und den verschiedenen Nannys vergeht, die auf einen Aushang hin das Vaters ihr Glück in der Betreuung der Kinder versuchen.

 

Nur einer der vielen jungen Frauen gelingt es, länger zu bleiben und nicht  Vergrault zu werden, Madelaine. Doch auch dieses engere Verhältnis endet für Idella und Avis, als der Vater seiner eigenen Zurückhaltung nicht mehr traut und sich in Gefahr sieht, übergriffig zu werden.

 

Avis und Idella erleben eine kurze, glückliche Zeit bei ihrer Tante, Idella besucht die Schule und würde gerne in diesem Leben weiter vorangehen, doch aufgrund eines Jagdunfalls werden die beiden zur Farm zurückgerufen und erleben ein nun doppelt und dreifach tristes Leben.

„Es ist hier schrecklich still“. Das ist, was dieses Leben kennzeichnet, innerlich, wie äußerlich.

 

Sorgfältig und ungefiltert führt Jensen ihre Protagonisten ein, kommt den Menschen in diesem ganz normalen, armen, kleinen Leben ganz nahe und lässt den Leser so unvermittelt teilhaben an der inneren Entwicklung, der Trauer und den Schwierigkeiten dieses Lebens. Und begleitet gerade Idella, die eigentliche Hauptperson des Romans mit ihrer Schwester Avis durch das ganze weitere Leben. Durch erste Liebesregungen, Heirat, neue Familien, Idella wird Mutter von vier Kindern und erlebt dennoch nicht unbedingt ein Happy End mit ihrem Mann, Avis hat das unstete, emotionale von ihrem Vater geerbt und geht ganz eigene Wege.

 

Wege, die allesamt eher durch das Alltägliche gehen, sich dem, äußerlich betrachtet, kleinen Leben zuwenden mit so manchen merkwürdigen , insulären Persönlichkeiten, wie vor allem Idellas späterer Schwiegermutter.

 

Eine kleine, ganz alltägliche Welt, die dennoch die großen Themen des Lebens, Emotionen, Liebe, Verlust, Trauer, Armut, Lebenskampf, geschwisterliche Liebe in großer Verschiedenheit, Freundschaft und Abneigungen enthält. Und durchaus in dieser Darstellung des Lebensweges Zeitgeschichte aufleben lässt. Die Arbeit in Fabriken, die fas Unmöglichkeit des „kleinen Mannes“, aus diesem Kreislauf zu entkommen und die daraus resultierende Flucht in Alkohol und hier und kleinen Affären (manche durchaus mit Folgen).

 

Ein gut zu lesendes, unterhaltsames und emotional dichtes Buch, welches das Lesen durchaus lohnt.

 

M.Lehmann-Pape 2012