C.H.Beck 2010
C.H.Beck 2010

Björn Kern – Das erotische Talent meines Vaters

 

Pubertierende Väter

 

Philipp macht sich auf den Weg. Gerade verlassen von seiner Freundin Marie nimmt der Pfleger vpn psychisch kranken Menschen die Reise vom pulsierenden Berlin zum beschaulichen Bodensee auf sich, um nach längerer Zeit seinen Vater wieder zu besuchen. Abstand tut ihm gut, nach dem Rechten schauen steht auch wieder an, immerhin geht der Vater deutlich auf die 70 zu.

 

Aber schon am Bahnhof beginnen die Irritationen, der Vater holt den Sohn, ganz gegen alle sonstigen Gewohnheiten, nicht vom Zug ab. Auch im weiteren Verlauf des Beginns wird deutlich, dass Jakob, der Vater, sich aktuell eher gestört fühlt durch den Besuch des Sohnes, denn Jakob ist in einer wunderbaren Spätphase seines im Gesamten hedonistisch-genussvollen Lebens und hat alle Hände voll zu tun, die bindungswilligen Frauen um ihn herum soweit auf Abstand zu halten, dass zwar sein Vergnügen nicht getrübt wird , andererseits aber auch keine allzu feste Bindung in den Raum tritt.

 

Er ist aber auch ein Bild von einem Mann. Altachtundsechziger, durchtrainiert (ohne Probleme stürzt er sich muskulös und voll Vergnügen in den kühlen Bodensee), keiner Feier ausweichend und so mancherlei Rauschmitteln gegenüber auf gar keinen Fall abgeneigt. Umgarnt einerseits von der dunkelhäutigen Alma, die von Jakobs leichtem Lebensgefühl regelrecht verzückt ist und von Karen, die ein wenig ins Hintertreffen geraten ist, dennoch aber von Jakobs Charme genau auf der Grenze zwischen Hoffnung und Verzweiflung gehalten wird. Jakob selbst, so sehr er das lose Leben genießt, lässt seine Gedanken weiterhin um Iris kreisen, die es gewagt hat, ihn einfach zu verlassen.

 

Im Reigen der Frauen, der Partys, des entspannten Lebensstils angesichts seines aktiven, agilen, mit dunklen Locken noch versehen Vaters kehren sich im hoch amüsanten Buch von Björn Kern die Rollen um. Der dröge Sohn räumt voll bürgerlichen Ingrimms hinter dem Vater auf, beginnt in seinen Sachen zu stöbern und stellt ihn gleicher Weise mahnende und bohrende Fragen, wie es jeden 17jährigen zu allen Zeiten genervt hätte. Nur ist das Objekt der Mahnung fast 70 und zudem noch der eigene Vater, dem gerade das bürgerliche immer schon ein Graus war. An diesem einen Wochenende, an dem Kern seine Geschichte ansiedelt, bleibt daher genügend Raum für eine ganze Reihe von Irritationen zwischen Vater und Sohn.

 

Hinter all der vermeintlichen Sorge des Sohnes aber, und hier klingen durchaus ernste Töne in wunderbarer Sprachmelodie an, lässt sich erahnen, dass Verzweiflung und ein gehöriges Stück Neid in Philipp rumoren.

Das alte, aber immer wieder aktuelle und frische  Thema der scheinbar verschiedenen Verteilung der Lebensgaben greift Björn Kern in bestechend bildhafter Sprache, jeweils leicht verborgen hinter der greifbaren Situationskomik auf. Hier einer, dem alles zufällt, der sich um nichts wirklich zu scheren scheint und dabei offenkundig noch belohnt wird vom Leben, dort einer, der seinen Weg verantwortlich gehen will, grüblerisch versucht, Fehler zu vermeiden und dennoch nicht zum inneren Glück findet.

 

Neben dieser Tiefendimension gelingt es Björn Kern zudem mit feinen Andeutungen, durchaus auf den ein- oder anderen Riss in der Fassade des agilen Vaters zu deuten. Risse, die erahnen lassen, dass auch in diesem vermeintlich aus dem Vollen schöpfenden Leben nicht alles in wunderbarster Ordnung ist. Ahnungen, die sich im Lauf des Buches gerade zum Ende hin bewahrheiten und für neue Wendungen sorgen.

 

Kern gelingt sein spannender Versuch der verdrehten Rollen und führt den Leser zudem in eine eigene Betrachtung von zu großer Oberflächlichkeit einerseits und zu verbiestertem Lebensernst andererseits. Ein Verführungsratgeber ist das Buch sicherlich nicht, wohl aber ein klärendes Element zum Verhältnis der Generationen. Sprachlich flüssig und feinfühlig geschrieben ist das Buch ein empfehlenswerter Begleiter für ein anregendes Leseerlebnis.

 

M.Lehmann-Pape 2010