dtv 2011
dtv 2011

 

Blanca Busquets – Die Woll-Lust der Maria Dolores

 

Familiengeheimnisse und Pullover

 

Nichts Zweideutiges ist an der Woll-Lust der Maria Dolores, tatsächlich geht es um diese Form der Lust im tatsächlichen Sinne des Wortes. Die Wollknäuel verbrauchen sich schnell, dort, in der Ecke des Hauses, in der Maria Dolores sitzt und strickt.

Sicher gibt ihr diese Betätigung auch eine Form der sinnlichen Zufriedenheit aber ganz anders als es im zweideutigen Sinne des Wortes im Raume stehen würde.

 

Viel mehr als das Stricken hat sie nämlich nicht mehr mit ihren 85 Jahren, nach ihrem Schlaganfall, der ihr die Stimme genommen hat und einiges von ihrer lebenslang sie begleiteten Agilität.

 

Zu Ihrer Tochter ins Haus ist sie gezogen, alleine wäre es nicht mehr gegangen. Und wie das so ist, wenn ein alter Mensch nach schwerer Erkrankung, nicht mehr sprachfähig, emsig und still in der Ecke sitzt, er wird mehr und mehr zu einer Art Einrichtungsgegenstand, vor dem viel an der sonstigen Zurückhaltung der anderen Bewohner des Hauses abfällt. Ein Unterschätzen ihrer Kräfte, das durchaus Folgen nach sich ziehen wird, Folgen, die allen Beteiligten letztlich aber gut tun werden.

 

So hört sie vieles. Vieles, was ihr nicht gefüllt, was an Lüge, dunklen Gedanken, Oberflächlichkeiten, aber auch Sehnsüchten und Problemen vorhanden ist.

Und gleichzeitig schweifen ihre Gedanken ab, hierhin und dorthin, Erlebnisse aus ihrer Vergangenheit tauchen auf, lang zurückliegende schöne Zeiten, Schicksalsschläge, ein ganzes, gelebtes Leben. Dreh- und Angelpunkt war die Liebe zu ihrem Mann, eine Liebe, die auch Kraft brauchte ob der unterschiedlichen Schichten, aus denen beide stammten. Und der Tag des Todes ihres Mannes tauchte auf, an dem auch sie innerlich starb und eine neue Dolores sich entwickelte.

 

Und je mehr sie strickt, je mehr sie erfährt, je mehr sich ihre Geschichte entspinnt, je weiter der Pullover, an dem sie werkelt, voranschreitet, desto weiter schreitet auch der Blick des Lesers auf das Leben der Maria Dolores voran. Und desto weiter und mehr gelingt es der alten, Lebens erfahrenen Frau, durchaus das ein oder andere Problem, die ein oder andere Verwirrung ihrer Familie hilfreich zu lösen und auch den dunklen, lügenden Seiten durchaus energisch zu begegnen, auch wenn selbst die Ihren ihr das kaum zugetraut hätten.

 

Knapp 280 ruhige Seiten lang erzählt Blanca Busquets die Geschichte von Dolores in Gegenwart und Vergangenheit, Seiten mit berührenden Momenten, aber auch mit Längen. Allzu alltäglich sind oft die gewälzten Probleme im Haus der Tochter, in dem Dolores nun lebt, an manchen Stellen verliert sich einfach die Spannung und Neugierde auf den weiteren Fortgang der Familiengeschichte. Gelungen hingegen der Rückblick, die wechselhafte Lebensgeschichte der alten Frau, die durchaus anrührende und mitnehmende Momente birgt.

 

Ein ruhig erzähltes Buch mit Stärken und Schwächen, im Stil flüssig und schön zu lesen, im Inhalt manches Mal langatmig trotz der angeschnittenen Themen, die fast überreich an Problematiken der sexuellen Orientierung oder auch der drohenden Magersucht daherkommen.

 

M.Lehmann-Pape 2011