Hoffmann & Campe 2017
Hoffmann & Campe 2017

Bob Dylan – Planetenwelten

 

Ein stückweit die andere Seite Dylans

 

Dylans „Song for Woody“ von 1962 dauert nur etwas über zweieinhalb Minuten.

 

Dylans „Lang-Gedicht“, munter vorgetragen bei einem Auftritt, kommt locker über sieben Minuten Lesezeit.

 

Natürlich ist Dylan einfach ein Dichter, weitgehend in der Form von Songs, aber darüber hinaus liegt einiges Material rein lyrisch ohne Vertonung vor. Dieses „schriftstellerische, lyrische“ Seite Bob Dylans bringt dieser Band, zweisprachig (links das englische Original, rechts je die deutsche Übersetzung) dem Leser in bester Weise nah. Und wer Dylan bisher nur als Sänger und Musiker kannte, der versteht nach der Lektüre der Gedichte noch besser, warum er den Nobelpreis als Schriftsteller zugesprochen bekommen hat.

 

Nebenbei, im Blick auf dieses Thema, im Buch findet sich ebenfalls die respektvolle und ebenso sprachlich bestens mit den Worten spielende Dankesrede Dylans an das Nobel-Komitee im Rahmen von Dylans „Tischrede“.

 

Dies führt das Werk als Teil des zweiten Teiles des Buches neben vielfach anderen, anregenden Texten, in denen Dylan Themen, teils auch persönliche Ereignisse seiner Laufbahn als Künstler reflektiert.

 

Wie Dylan zum Tod Johnny Cashs spricht, den er als „Polarstern“ bezeichnet, ist dabei ebenso bewegend und lässt ein wenig in Dylans Inneres Blicken, wie seine Erläuterungen zu einigen Gemälden, die ebenfalls nicht einen „ausgetretener Pfad“ darstellen, wie die Liedtexte, Gedicht, das Gesamtwerk dieses wohl einflussreichsten Liedermachers und Dichters der Moderne.

 

„Wenn ich nicht allen gefallen kann, kann ich genauso gut überhaupt niemandem gefallen (es sind so sehr viele Leute und ich kann einfach nicht allen gefallen)“.

 

Da mag man sich persönlich streiten, ob die lange Dauer der Entgegennahme des Nobelpreises respektlos war oder ob es einfach nur Arroganz ist, aufgrund derer Dylan weitgehend jeden Kontakt zum Publikum auf Konzerten nicht stattfinden lässt.

 

Sich aber der Figur Bob Dylan zu nähern, wenn auch keine Einblicke in sein Privatleben gegeben werden (was an sich nie passiert bei Dylan), bietet dieser Band einen sehr guten Überblick.

 

Woody Guthrie und Joan Baez mit tiefen Einblicken in das Empfinden Dylans.

 

„Und ich ging meinen Weg und sang meinen Song. Wie ein trauriger Clown im Zirkus meiner eigenen Welt“.

 

Einer, der als junger Mann durchaus mit Zorn meinte: „Schönheit ist nur in den Rissen“. Und wie das biographisch vonstattenging, das kann der Leser mühelos zwischen den Zeilen herauslesen.

 

Eine komplexe, differenzierte, assoziationsreiche Sprache, die allein vom Klang und dann vom Inhalt her den Leser auch emotional immer mit hineinnimmt in die vielfachen Orte und Themen, dafür stehen die „Lang-Gedichte“ Dylans.

 

Und wofür das alles, oder, mit Dylan zu sagen: „Welt, schiefgegangen. Über die Songs (worum es geht), auch das erläutert Dylan auf knapp 14 Seiten im Buch.

 

Nicht nur für Fans, sondern für jeden, der Bob Dylan von einer anderen Seite her (neu) kennenlernen möchte, ist diese Gedicht- und Textsammlung wärmstens zu empfehlen.

 

 

M.Lehmann-Pape 2017