S.Fischer 2016
S.Fischer 2016

Brigitte Giraud – Einen Körper haben

 

Wie das Leben von außen betrachtet werden kann und wie es sich anfühlt

 

Einen ganz anderes als gewohnten Erzählansatz wählt Brigtte Giraud für ihren neuen Roman.

 

Mit filigraner Sprache (durchaus auch mit dem ein oder anderen derben Ausdruck versehen), mit Emotionalität und Verve kreist Giraud um das Leben „mit“ einem Körper, den „Besitz“ eines Körpers und die „Sprache eines Körpers“ (vor allem), die einerseits „von außen“ abzulesen ist und anderseits ja von „innen“ was mit dem Menschen macht.

 

Und da liegt es ebenso nahe, dass Giraud einen autobiographischen Ansatz wählt, denn nur sie selbst steckt ja in ihrem Körper und nur sie selbst ist in der Lage in solcher Präzision, wie es im Roman geschieht, das eigene Gefühl, die eigene Haltung, das eigene auch „Formen“ des Körpers punktegenau wiederzugeben.

 

Besser noch könnte man sagen, dass Giraud vor allem ihren, aber auch alle anderen „Körper im Buch“ als Protagonisten des Werkes nutzt.

 

Wie da allein schon die ständige Haptik der Mutter das innere Wesen der Mutter in Teilen offenlegt, wie sich der Vater körperlich anders zeigt, verändert, je nachdem, ob er „in Zivil“ privat anwesend ist oder „in Uniform“ beruflich seinen Weg geht.

 

„Ihre Hände ziehen den Stoff glatt“

 

Ein Körper, der sich zum einen von alleine entfaltet, entwickelt, wie Giraud zu Beginn aus der Sicht des Mädchens miterlebt, eher störend erlebt, sich eher der „Anpassung“ der Kleidung an den wachsenden Körper durch ihre Mutter widersetzt, all das lässt den Leser fasziniert eintauchen in jenes Gedankenspiel und der offenen Reflexion des Umgangs mit dem eigenen Körper.

 

„Meine Mutter sagt, eine Prinzessin sei in meinem Turm eingesperrt, eine Prinzessin in einem pailletenbesetzten, langen Kleid, die man befreien müsse“.

 

Der Körper als Turm, die Anforderungen der Zuweisung von Geschlechterrollen, das Einfügen der Heranwachsenden in die „Welt der Frauen“, wie es die Gesellschaft, die Mutter erwartet.

 

Wie fühlt es sich an, ein Kind, eine Heranwachsende, eine Frau zu sein? Wie fühlt es sich an und, vor allem, wie macht es sich äußerlich bemerkbar (Dünn werden, Gewicht zulegen, den Körper einsetzen), wenn man selbst beginnt, den Körper nach inneren oder äußeren Normen zu formen?

 

Und das in solch feinen, alle Verästelungen des jeweiligen Vorgangs auslotender Sprache, die eine weitere Freude der Lektüre darstellt.

 

Was vor allem später in den vielfachen sexuellen Erfahrungen, der „körperlichen Orientierung“ in der Erwachsenenwelt wunderbar klar und doch mit Emotion das „einen Körper haben“ bis ans Ende des Werkes transportiert.

 

„Was danach (erste sexuelle Erfahrungen) passiert, ist nicht das Ende der Welt , nur der Anfang…..Es ist der Übergang, der unweigerlich stattfindet, die langsame Transformation, Haut unter Haut…. Wir versuchen zu geben, anzubieten, überlassen es dem anderen, zu nehmen, zu ergreifen.

 

Seien es solche „Hingabeerfahrungen“, seien es im Gegenteil „Abstoßungserfahrungen“, das Arbeiten des Körpers gegen die Normierung der Welt, gegen ein Hereinziehen in eine männlich ausgerichtete „Körperwelt“, Giraud trifft durchgehend klar, präzise und sensibel und führt auf jeder Seite ins Bewusstsein, dass ein Körper nicht einfach nur so automatisch ist, sondern eigenen, natürlichen und aufgezwungenen Veränderungen unterliegt, eine eigene Sprache besitzt und ein „bewusstes Haben“ wahrgenommen und angenommen werden sollte, um sich im eigenen Körper „gut“ einzurichten.

 

 

Eine interessante, andere, sprachlich wunderbare Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2016