Arche 2014
Arche 2014

Brittani Sonnenberg – Heimflug

 

Rastlos

 

„Sie müssen mein Aussehen entschuldigen. Gestern Nacht hat es geschüttet wie aus Kübeln und das ist in meinem Zustand verheerend“.

 

Interessant an dieser Aussage ist, wer sie trifft. Denn Brittani Sonneberg scheut eines in ihrem Roman ganz gewiss nicht, und das sind vielfache, zum Teil außergewöhnliche Perspektiven.

 

Das alte Haus, der Ort des Aufwachsens von Elise, spricht hier. Mit aller Melancholie einer alten Heimat, mit allem an Entleerung, die stattgefunden hat, mit der Sehnsucht nach „den alten Tagen“ voller Leben und Aufregung im Haus, mit den düsteren Erinnerungen an den Vater und Familiendespoten Charles, der seiner Tochter Elise in mehr als einer unguten Form zu Nahe getreten ist.

 

Das Haus hat zu erzählen, sinniert, geht mit melancholischen Gefühlen in die Leere nach dem Auszug auch der letzten Bewohnerin. Ein treffendes Bild, eine klug gewählte, ungewohnte Perspektive (wann ist ein Haus schon einmal als Ich-Erzähler vorhanden?).

 

Ein Symbol aber auch für das gesamte Buch und das zugrunde liegende Thema.

Denn eine echte „Heimat“, einen „festen Ort“, einen Ort, an den sich Erinnerungen tragfähig binden können, der wir im weiteren Verlauf des Buches nur schwer zu finden sein.

 

Ein Zustand, dem Elise in ihrem kaum zufassenden, inneren Drang hin zu einem Ausbrechen korrespondiert. Sie, die einmal eine „innere Heimat“ bei Jesus hoffte, gefunden zu haben (lange her), treibt nun in der Gegenwart des Buches an der Seite ihres erfolgreichen Mannes Chris quer durch die Welt vor sich her.

Überall wird einige Zeit gelebt, wo die Firma Chris braucht und auch an diesen verschiedenen Orten ist Christ beständig in der Welt unterwegs. So dass Elise und die späteren Töchter Leah und Sophie sich ganz eigen entwickeln, eigene Zugänge zur Welt finden.

 

Während Chris Eltern eine andere Form der Heimatlosigkeit erleben und verarbeiten müssen, das Ende der Farmarbeit, das Leben in „betreutem Wohnen“. Wie das heute oft so ist, Entwurzelung allüberall  und in jedem Alter.

 

Ein Mangel an heimischen Wurzeln, den Sonneberg intensiv und atmosphärisch dicht und breit in je ganz verschiedener Form im Inneren ihrer Protagonisten herauszuarbeiten versteht.

 

Wobei auch hier, zum Ende des Buches hin, Sonnenberg eine weitere ungewohnte, spannende Perspektive einer der beiden Töchter einführen wird.

 

„Elise liebt es, wenn Chris auf Reisen ist…….sie empfindet eine Art innere Befreiung, wenn er wegfährt“.

 

Weil Elise keine Rechenschaft mehr über ihre Person ablegen will und hier die Geschichte mit ihrem Vater sich in ihr ein stückweit auf Chris überträgt.

 Nicht ganz zu Recht, im Übrigen. Christ nämlich ist jemand, der eher vom äußeren Rahmen am „Laufen“ gehalten wird und wenig eigene, innere Person in sich spürt oder findet. Wenn er überhaupt den Blick nach innen richtet, dann scheint seine Heimat sein Vater zu sein, der als „Antreiber“ immer gegenwärtig bleibt.

 

In all diesen häufigen Perspektivwechseln, die auch chronologisch mit Lücken arbeiten, ist es allerdings leider auch ein Leichtes, hier und da den Faden und Überblick zu verlieren. Zudem besitzt der Roman in Teilen auch eine sehr ausgewalzte Breite, in der manches Mal der Eindruck verbleibt,  das hier wiederum das gleiche neu und noch einmal und wieder einmal beschrieben wird.

 

 

Die moderne innere Heimatlosigkeit aber, der Verlust geographischer Wurzeln und die Schwierigkeit, sich immer wieder „in sich selbst“ finden zu müssen, die hat Sonnenberg intensiv verdichtet und wunderbar erzählt.

 

M.Lehmann-Pape 2014