Fischer 2010
Fischer 2010

Carl von Siemens – Kleine Herren

 

Die Elite von Gestern und Morgen

 

Früher wurden die Namen englischer Eliteuniversitäten, zumindest die von Oxford und Cambridge, fast mit Ehrfurcht ausgesprochen. Geheime Geschichten, fast schon Legenden ranken sich um diese internationalen Ausbildungsorte mit ihren teilweise kruden Regeln und ihrer strengen Leitung.

 

Kaum etwas haben die genannten und andere britannische Hochschulen von ihrer Reputation verloren. Eines aber hat sich neu entwickelt, immer mehr auch Deutsche nehmen die Ferne und die exorbitanten Kosten auf sich, um einen Abschluss an einer der Universitäten von Weltruf zu erlangen.

 

Da passt es gut, dass Carl von Siemens sein Buch an eben einer dieser Hochschulen, dem Trinity College in Oxford, ansiedelt. Rattles, ein junger Deutscher mit einer großen Vorliebe für alles Britische, hat es geschafft, dort einen Ausbildungsplatz zu ergattern. Mit wenig Ausstattung, aber dem festen Willen, seinen Weg in dieser Gesellschaft zu machen, tritt er als Erstsemester in Oxford an. Und kommt aus dem Staunen im Angesicht des fremden und, vor allem, des einmaligen britischen Humors nicht heraus. Wie sonst sind die guten Ratschläge der Mitstudenten zu verstehen, auf keinen Fall mit der Frau des Gastgebers zu schlafen, außer, jener bittet darum?

 

Da braucht es Beharrungsvermögen, zum Glück ist Ratlles damit gesegnet, denn so oft er auch in Fettnäpfchen stolpert (und das passiert gerade zu Anfang auf jeder Seite), so verschlossen und in ihren unausgesprochenen Regeln kaum zu durchschauen das Establishment auch ist, Rattles nimmt immer wieder neuen Anlauf und so können wir ihn Seite für Seite auf seinem Entwicklungspfad begleiten, mehr und mehr einer der „kleinen Herren“ zu werden, vollendet im Umgang mit den vielfachen, teils auch skurrilen und exotischen Verhaltensweisen der upperclass.

 

Skurriles Verhalten und teils brüllend komische Missverständnisse versteht Carl von Siemens in bester sprachlicher Form zu schildern. Gut, dass Rattles in der Person seines Onkels und Förderers jemanden zur Seite hat, der bereits den Weg hinein in dieses Lebensform hinter sich gebracht hat.

 

Darüber hinaus aber erlaubt von Siemens tatsächlich einen Blick hinter die Kulissen der britischen Gesellschaft oberer Prägung. Viele Anekdoten, teils selbsterlebtes, lässt er einfließen und verdeutlicht so tatsächlich den Hintergrund jener trockenen, leicht fatalistisch wirkenden Haltung, die die Welt seit Jahrhunderten am englischen Wesen bestaunt. Nicht nur beim Anstehen in einer Schlange.

 

Heiter bis komisch, aber auch informativ und erhellend, dabei flüssig und angenehm zu lesen, ein empfehlenswertes Buch.

 

M.Lehmann-Pape 2010