Suhrkamp 2013
Suhrkamp 2013

Carlos Maria Dominguez – Der verlorene Freund

 

Ein komplexes Leben hinter einfacher Fassade

 

Die schönen Künste, Malerei, Opern, dass ist die Welt von Waldemar Hansen. Ein genügsames, ruhiges Ruhestandsleben.

 

„Ich begann ihn regelmäßig zu besuchen, weil ich einen dieser einsamen Männer in ihm vermutete, die in Montevideo immer für Überraschungen gut sind“.

 

Einsam ein  wenig ja, das ist Waldemar. Getrennt von seiner Frau, der Mutter seiner Tochter seit langem, sich sorgend um die Tochter all die Jahre, die allerdings seit geraumer Zeit erwachsen ist und in Italien lebt.

 

Aber noch anderes trägt dieser Waldemar in sich, wie allerdings der Ich-Erzähler, aus dessen Perspektive Dominguez seine Geschichte erzählt, erst viel später feststellen wird. Nun ja, einige kleinere Ungereimtheiten, eine Reserviertheit was das Persönliche angeht, ein merkwürdiger Kamin in der Wohnung, dass fällt ihm bei seinen Besuchen schon auf, doch Waldemar geht nicht darauf ein. Allgemein, intellektuell, abstrakt sind die Gesprächsthemen der beiden älteren Herren bei ihren Treffen.

 

Und dann springt Waldemar einfach aus dem Fenster und stirbt. Beerdigung, die Tochter reist an, eine Schwester, mit der kaum mehr Kontakt bestand. Ein Geschehen, ein Leben, das keine Ruhe lässt, dass den Ich-Erzähler auf den Weg bringt, den Grund für das Geschehen, diesen Selbstmord, herauszufinden. Sicher auch wegen eigener, leichter Schuldgefühle, denn hätte nicht er als einzig regelmäßiger Kontakt etwas ahnen, sehen müssen?

 

So begibt sich der Protagonist des Buches auf eine Reise in die Vergangenheit, sucht die Familie, Bekannte Waldemars auf und dringt ein in ein Geflecht eines durchaus komplex scheinenden Lebens mit Tiefen. Und wird doch eine ganz einfache Lösung für all die Ereignisse finden. Aber kann er am Ende diese einfache Lösung glauben? Oder bleiben Fragen offen?

 

Geschickt verwebt Dominguez die Ereignisse dieses Lebens und zeigt vor allem auf, das hinter einer (jeder?) einfachen Fassade und scheinbar ganz klarer Verhältnisse eine verzweigte, mit dem Leben und anderen verwobene Welt zu finden ist. Diese innere Ebene der Motive, der gelebten Leben, der Spuren, die ein solches Leben hinterlässt und denen man auf Dauer nicht entkommen kann, das ist das eigentliche Thema dieses Romans.

 

In einer sehr verdichteten, auf den punkt gebrachten, äußerlich sachlich-ruhigen Sprache, die immer wieder an die Substanz der Personen rührt. Mit der Dominguez allein vom Sprachlichen her den Leser zu fesseln versteht. Selten versteht es ein Schriftsteller, mit eher wenigen, aber genau gesetzten Worten kräftige Bilder in den Raum zu setzen und das Innere einer Romanfigur mit ebenso knappen und präzisen Sätzen wie in einem stetigen Fluss auszuleuchten. So dass sich Motive und Lösungen von Fragen nicht immer ganz geklärt auf der Faktenebene, wohl aber im inneren Verständnis Waldemars durch den Leser zweifelsfrei ergeben.

 

Sprachlich, im Erzählrhythmus und in der Offenlegung des Inneren der Personen ein sehr treffendes, lesenswertes Buch.

 

M.Lehmann-Pape 2013